Es sind häufig kompliziertere Familiengeschichten. Es ist der Versuch, den Kontakt zur Herkunftsfamilie nicht abreißen zu lassen. Kinder und Jugendliche, die nicht bei ihrer Familie leben können, leben heute in kleineren Wohngemeinschaften. Die Komplexität in der Betreuungsarbeit hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren aus all diesen Gründen verdoppelt.

Aber nicht nur das: In der von Christian Schober und Julia Wögerbauer erstellten WU-Studie zeigt sich, dass jene, die in der Sozialarbeit, Wohngemeinschaften und der psychologischen Betreuung arbeiten, die zusätzlichen fachlichen Aufgaben im Sinne der Kinder und Jugendlichen weniger belasten als bürokratische Rahmenbedingungen: eine umfangreiche Dokumentation zum Beispiel, enorm viel Informations- und Vernetzungsbedarf, was einen hohen Kommuniaktionsaufwand bedeutet. "Damit bleibt viel weniger Zeit, die sie mit Kindern und Jugendlichen in der Betreuung verbringen können", sagt Studienautorin Wögerbauer. Dieser Zeitmangel ist mit deutlichem Abstand die größte Belastung für jene, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten: Er ist fünf Mal so hoch als noch vor 20 Jahren.

Im Interesse der Kinder anders finanzieren

"Hier müssten Politik und Verwaltung Druck rausnehmen", sagt Wögerbauers Kollege Schober. "Das kostet zwar vorübergehend mehr Geld, spart aber später viel mehr ein." Jene, die die Studie beauftragt haben, Caritas Wien, Diakonie, SOS und Vorarlberger Kinderdorf, die Vereinigung Verantwortung und Kompetenz für besondere Kinder und Jugendliche, kurz VKKJ, ist nicht nur mehr Geld wichtig. Das natürlich auch, aber: "Wien hat in diesen 20 Jahren immer stärker auf mobile Betreuung gesetzt, durch ein Kinderhotel, Elternarbeit und Ähnliches können immer mehr Kinder zu Hause in ihren Familien leben", sagt etwa Martin Schelm von der Caritas Wien.

"Die Ansprüche sind gestiegen, das ist gut so, richtig und wichtig. Die Konsequenz aber ist, dass die Belastung steigt." Schelms Argument: "Wir wollen das Angebot ausbauen, um noch mehr Kinder von noch mehr Qualität profitieren zu lassen. Durch beides werden finanzielle Ressourcen frei, weil Fremdunterbringung immer teurer ist als ambulante."

Auch wenn Clemens Klingan als Geschäftsleiter von SOS Kinderdorf für die rund 800 der insgesamt 4000 fremdbetreuten Kinder in Wien verantwortlich ist, sieht er das nicht viel anders. Klingan stellt fest, dass in Wien bei rund 10.500 Meldungen insgesamt rund 6100 Mal eine vermutete Vernachlässigung der häufigste Grund war, sich an die Behörden zu wenden. "Familien kämpfen mit Überforderung", sagt Klingan.

Arbeit mit den Eltern lohnt sich für den Nachwuchs

"Vier von zehn Kindern in Fremdbetreuung kehren später in ihre Familien zurück", sagt Klingan ebenfalls. "Unsere Aufgabe ist auch, die Eltern bei der Erziehung zu unterstützen." Sechs Personen mit psychologischer oder pädagogischer Ausbildung kümmern sich folglich zwei bis drei Mal pro Woche auch um die Eltern. "Da geht es um Alltägliches wie pünktliches Aufstehen mit Kindern, gesundes Essen zu kochen genauso wie psychische Probleme oder auch um berufliche Perspektiven, damit die Eltern nicht delogiert werden - und die Kinder dann keinen Ort mehr haben, an den sie zurückkehren können." Das Problem dabei sei, die Stadt Wien zahle zwar zu, "einen sechsstelligen Betrag müssen wir aber jährlich selbst tragen".

Ähnlich ist die Situation bei sogenannten Frühen Hilfen: "Dass die helfen, hat die Stadt Wien bereits vor 100 Jahren erkannt", sagt Kinder- und Jugendanwältin Dunja Gharwal. Anders als in Vorarlberg, wo mit allen werdenden Eltern über ihre soziale Situation gesprochen wird und fünf Prozent Hochrisikofamilien aufgedeckt werden, gibt es in Wien in manchen Bezirken, "im Zehnten, Elften und Dreiundzwanzigsten", gar kein Angebot, bedauert Klaus Vavrik, Facharzt für Kinder und Jugendpsychiatrie und beim VKKJ. Dabei zeige eine Studie aus Deutschland, das jeder in frühe Hilfen investierte Euro später 40 Euro spart.