"Wiener Zeitung": Mireille Ngosso, Vize-Bezirksvorsteherin im 1. Bezirk, ist als Kandidatin für die Wien-Wahl an der SPÖ-Basis gescheitert. Ex-Staatssekretärin Muna Duzdar kandidiert als Vorsitzende im 22. Bezirk, steht aber nicht auf dem Stimmzettel. Susanne Schaefer-Wiery, Bezirksvorsteherin im 5. Bezirk, ist aus der Partei ausgetreten. Hat die SPÖ ein Frauenproblem?

Kathrin Gaál: Das tut mir persönlich leid, aber die Partei hat sicher kein Frauenproblem. Das sind bezirksinterne Angelegenheiten, die man nicht auf das Thema Frauen herunterbrechen kann, das wäre zu simpel. Ich war nicht involviert und kann daher nichts Näheres sagen.

Es gab mit den drei SPÖ-Frauen also keinen Austausch?

Schon, im persönlichen Gespräch, aber das war persönlich.

Haben Sie der SPÖ-Vorsitzenden Pamela Rendi-Wagner bereits Ihre Unterstützung gegeben?

Noch nicht, werde ich aber tun.

Die Stimmung in der SPÖ war schon besser. Ist es sinnvoll, Zustimmung der Basis einzuholen?

Die Stimmung in der Partei ist gut. In den Bezirks- und Landesorganisationen gab es immer wieder unterschiedliche Meinungen, das hält eine demokratische Partei aus. Die Mitgliederbefragung ist ein Resultat unseres Erneuerungsprozesses, ich finde das gut.

In keinem EU-Land gibt es so viele Frauenmorde wie in Österreich, vor kurzem wurde eine 16-Jährige von ihrem Ex-Freund mit 30 Messerstichen lebensgefährlich verletzt - müsste die Stadt Wien nicht viel mehr Geld in Prävention stecken?

Beim Gewaltschutz kann man nie genug tun. Wien hat ein dichtes Gewaltschutznetz und wir investieren laufend in Einrichtungen, die Frauen unterstützen. Wir müssen aber gemeinsam mit dem Bund und über alle Parteigrenzen hinweg an einem Strang ziehen.

"Beim Gewaltschutz müssen wir mit allen Parteien an einem Strang ziehen", sagt Frauenstadträtin Kathrin Gaal. - © Moritz Ziegler
"Beim Gewaltschutz müssen wir mit allen Parteien an einem Strang ziehen", sagt Frauenstadträtin Kathrin Gaal. - © Moritz Ziegler

Historisch gab es parteiübergreifende Allianzen zwischen Frauen. Warum gibt es diese nicht mehr?

Im Wiener Gemeinderat habe ich eine sehr gute Gesprächsbasis mit den Frauensprecherinnen aller Parteien. Wir besuchen gemeinsam Gewalt- und Opferschutzeinrichtungen, sind oft einer Meinung und arbeiten sehr gut zusammen. Ich habe da überhaupt keine Berührungsängste.

Was tut die Stadt Wien gegen Gewalt an Frauen?

Wir haben viele Kampagnen, zum Beispiel gegen K.o.-Tropfen oder das neue Projekt "Respekt - Gemeinsam Stärker", das an fünf Neuen Mittelschulen gestartet ist. Wir haben den 24h-Frauennotruf, vier Frauenhäuser, die durch einen unbefristeten Vertrag mit der Stadt Wien abgesichert sind, und bauen gerade ein fünftes. Im neuen Frauenzentrum wird Frauen rasch und unbürokratisch geholfen.

Frauenorganisationen kritisieren, dass sie bei der Umsetzung dieses neuen Frauenzentrums nicht eingebunden wurden - stehen die Stadt Wien und autonome Vereine in Konkurrenz zueinander?

Von Konkurrenz kann man da gar nicht sprechen.

Die Spaltung der Trägervereine im Jahr 2013 soll die Zusammenarbeit aber verschlechtert haben?

Damals war ich nicht Frauenstadträtin. Die Zusammenarbeit mit dem Verein Wiener Frauenhäuser funktioniert sehr gut. Dort wird Frauen und Kindern mit sehr viel Empathie geholfen, ein neues Leben zu beginnen. Der Verein Autonome Frauenhäuser hat in Wien kein Frauenhaus.

Es gibt verschiedene Frauennotrufe, bei der bundesweiten Hotline steht der 24h-Dienst vor dem Aus.

In Wien bleibt der 24h-Dienst, das steht außer Frage, er ist rund um die Uhr unter 01/71719 erreichbar.

Mehrere Nummern könnten für Betroffene auch unübersichtlich sein. Wäre eine Fusion sinnvoll?

Ich bin gesprächsbereit.

"Ich begrüße jede Initiative im Bereich Gewaltprävention"

Das SToP-Projekt in Margareten setzt in der Gewaltprävention auf die Arbeit mit Männern, weitere Bezirke haben Interesse angekündigt, aber es fehlt das Geld. Wieso springt die Stadt Wien nicht ein?

Das ist zu mir noch nicht vorgedrungen. Ich begrüße jede Initiative in dem Bereich und auch die Ausweitung des Projekts auf andere Bezirke. Wenn eine positive Evaluierung vorliegt, kann ich mir auch Unterstützung von Seiten der Stadt Wien vorstellen.

Sie sind seit 2018 Wohnbau- und Frauen-Stadträtin, davor waren Sie im Wiener Landtag für Stadtentwicklung und Verkehr zuständig. Ist Ihr Steckenpferd der Wohnbau und nicht die Frauenpolitik?

Als Sozialdemokratin nehme ich Frauenpolitik sehr ernst und freue mich, zwei so wichtige Ressorts zu führen. Anfangs wurde ich oft gefragt, ob das zusammenpasst. Nach zwei Jahren kann ich sagen: Das passt ausgezeichnet. Frauen profitieren sehr von leistbarem Wohnen. Vor zehn Jahren waren Barrierefreiheit, Kinderwagenräume und Sicherheit etwas Besonderes, heute ist das Standard. Das Wohnmodell für Alleinerziehende, das zum Großteil Frauen zugutekommt, ist jetzt Teil jeder großen Quartiersentwicklung.

Was unterscheidet Wohnungen für Alleinerziehende?

Kompakte und leistbare Wohnungen mit Gemeinschaftsräumen zum Kennenlernen, im Haus gibt es Gästeapartments für Großeltern oder andere Unterstützer und Vereine wie Tagesmütter.

"Ich stehe auf den Schulter von Riesinnen"

Sind Sie, im Gegensatz zur Frauenministerin, eine Feministin?

Selbstverständlich. Als Sozialdemokratin stehe ich auf den Schultern von Riesinnen, die Beeindruckendes geleistet haben, daher nehme ich das Wort "Feministin" stolz in den Mund. Ich komme aus einem sozialdemokratischen Elternhaus, Frauenpolitik war immer präsent. Das steckt auch in der DNA der Partei.

Das Budget des Frauenministeriums soll nun, zum ersten Mal in zehn Jahren, um zwei Millionen erhöht werden. Reicht das?

Die Erhöhung ist zu begrüßen. Im Bund ist das Budget für Frauen in den letzten Jahren deutlich unterdotiert gewesen.

Aber auch in den sieben Jahren, in denen das Ministerium in SPÖ-Hand war, wurde das Budget nicht erhöht.

Das ist sehr schade. In Wien haben wir das Budget ausgebaut.

Das Amt der Wohnbaustadträtin gilt als Karrieresprungbrett. Wollen Sie Österreichs erste Bundeskanzlerin oder Bürgermeisterin werden?

Nein. Ich mache den Job jetzt seit zwei Jahren und würde mich freuen, nach der Wien-Wahl weitermachen zu dürfen.