Dort unten bei der Kirche hat er sich früher, nach der Schule, immer mit seinen Freunden getroffen. Vis-a-vis, am Hügel gen Simmering, sei ein guter Platz, um nach einer Radtour einmal auszuschnaufen und den Blick auf die Landschaft zu genießen. Am Johannesberg, wo jetzt das große Feld zum Selber-Ernten ist, haben früher die "Peslnbauern", wie der Name schon sagt, Petersilie angebaut. Die wurde dann als Suppengrün-Sträußerl (mit Karotte und Zeller) auf den Wiener Märkten verkauft.

Dafür sei Oberlaa bekannt gewesen, erklärt Richard Stocker, liebenswertes "Herz" der (Bürger)Initiative Lebensraum Oberlaa. Gemeinsam mit seinem Freund, dem Kutschenbauer Florian Staudner, hat er es sich trotz Temperaturen jenseits der 30 Grad zum Ziel gesetzt, die schönen Ecken von Oberlaa zu zeigen. Die kleine Wehr am renaturierten Liesingbach, den Abenteuerspielplatz, die vielen Schotterwegerln zum Radln und Spazierengehen - üppig begrünt, die vergleichsweise immer noch naturnah angelegten Felder, voneinander abgegrenzt durch Stauden und Sträucher, den Dorfmarkt, die zahlreichen Plätze, an denen alljährlich Feste wie die Sonnwendfeier abgehalten werden und die alten, ebenerdigen Häuser im Ort.

Mehr Einwohner als Linz

- © Knollconsult | DI Alexander Cser
© Knollconsult | DI Alexander Cser

Die kleine Expedition durch die Botanik am Wiener Stadtrand lässt einen fast vergessen, wie man hierhergekommen ist. Die U1-Endstation Oberlaa verlässt man nämlich durch eine, den "Fingern" an Flughäfen vergleichbare Schleuse. Es scheint fast so, als hätte man alles daran gesetzt, dass ausgerechnet Besucherinnen und Besucher der Therme Oberlaa dort trockenen Fußes ankommen. Wenig einladend gestaltet sich auch der Weg in die Kurkonditorei, führt er doch quer über einen riesigen Parkplatz. Wien ist halt immer noch ziemlich autofixiert und nach Oberlaa kommt man, sofern man nicht dort lebt, eh nur entweder zum Baden oder zum Torte(n) essen. Oder?

Bürgerinitiativen-Aktivist Richard Stocker fürchtet um den Ortscharakter Oberlaas. - © Philipp Hutter
Bürgerinitiativen-Aktivist Richard Stocker fürchtet um den Ortscharakter Oberlaas. - © Philipp Hutter

Die Stadt wächst. Zwar nicht mehr so rasant wie in den Jahren 2000 bis 2015, aber kontinuierlich. Anfang 2020 lebten knapp über 1,9 Millionen Menschen in Wien. Das sind um 0,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Obwohl die Geburtenrate zuletzt wieder etwas anzog, rekrutiert die Bundeshauptstadt ihre neuen Einwohner in erster Linie durch Zuzug - und zwar aus dem In- und Ausland. Spätestens Ende der 2020er Jahren wird man, so die Prognosen, die 2 Millionen-Einwohner-Grenze geknackt haben.

Schneckenzüchter Andreas Gugumuck will an der Stadterweiterung partizipieren. - © Philipp Hutter
Schneckenzüchter Andreas Gugumuck will an der Stadterweiterung partizipieren. - © Philipp Hutter

Die Verteilung der Neuankömmlinge gestaltet sich alles andere als gleichmäßig. Floridsdorf, Donaustadt, Simmering, Favoriten und Liesing sind mit einem jährlichen Plus zwischen zwei und drei Prozent die am stärksten wachsenden Bezirke Wiens. Dabei weisen der 22. und der 10. Bezirk die größten Flächenreserven für zukünftige Stadterweiterungen auf. Nach großvolumigen Bauvorhaben in der Donaustadt, allen voran die Seestadt Aspern mit 240 Hektar Planungsfläche, rückt nunmehr Favoriten zunehmend in den Fokus der Stadtplaner.

Fantasielose Blöcke

Die Bauarbeiten im 34 Hektar großen Sonnwendviertel (5500 Wohnungen) sind so gut wie abgeschlossen, in Vorbereitung ist nunmehr der künftige Stadtteil "Neues Landgut" beim Hauptbahnhof. Auf dem ehemaligen ÖBB-Areal, das von der Laxenburger Straße, der Landgutgasse und der Südbahnstrecke begrenzt wird, entstehen in den nächsten Jahren insgesamt 1500 Wohnungen. Für Ärger sorgen derzeit unter anderem der übereifrige Abbruch historischer Industriebauten, fantasielose Neubaublöcke und geplante Fahrplanerweiterungen auf der Laxenburger Straße und der Landgutgasse.

Seit Anfang März dieses Jahres bewirbt die Stadt unter dem Slogan "Willst du mein Favoriten sein?" ihr nächstes Großprojekt: die Bebauung des Favoritner Südraumes. Der 10. Bezirk, der heute schon mehr Einwohner als die oberösterreichische Landeshauptstadt Linz hat, soll in den nächsten Jahren gewaltig wachsen. Das projektierte Areal südlich des Verteilerkreises (A23) erstreckt sich über eine Gesamtfläche von mehr als 20 Quadratkilometern. Neben jetzt schon dicht verbautem Gebiet, stehen auch alte Ortskerne und große, derzeit noch landwirtschaftlich genutzte Flächen zur Disposition.

Die Gegend hat durch die Verlängerung der U-Bahnlinie 1 bis Oberlaa eine enorme Wertsteigerung erfahren, ein ideales Betätigungsfeld für die Stadterweiterung - und für Immobilienfonds.

Nahe der neuen U-Bahnstation "Altes Landgut" und der Generali- Arena des FK Austria Wien werden im Viola Park 1 und 2 insgesamt 1600 Wohnungen errichtet, der FH Campus Wien soll erweitert werden und künftig Platz für 12.000 Studierende und ein neues Studentenheim bieten. Außerdem noch auf der Liste: die längerfristige Erschließung Rothneusiedls und eben der, wie es heißt, "Umgebungsbereich Endstelle U1 Oberlaa".

Richard Stocker hat seinen eigenen Plan von Ober- und Unterlaa mitgebracht. Mit dem, der auf der Website der Stadt Wien in Sachen Stadterweiterung präsentiert wird, hat er nur wenig gemeinsam. Stockers Plan zeigt die angedachte Zukunft des Ortes. In Nahaufnahme. Die weiß schraffierten Flächen wurden bereits verbaut. So etwa die Wohnblöcke an der Fontana Straße, samt dem Gemeindebau "Barbara Prammer-Hof" (errichtet auf dem 2012 abgerissenen, rund 50.000 Quadratmeter großem Areal der früheren AUA-Zentrale) mit insgesamt knapp 500 Wohnungen, die Grundäcker-Siedlung/Südhang Oberlaa (340 Wohnungen) und das Wohngut Tralalaa 10 (45 Wohnungen). Letzteres heißt übrigens tatsächlich so.

Viele Vorsorgewohnungen

Die rot schraffierten Flächen sind Planungsgebiete der Stadt Wien. Um die geht es der Bürgerinitiative. "An der Kuhtrift" und "Kurbadstraße" lauten die Projektnamen der beiden zukünftigen Wohnviertel. 5 Wohnblöcke mit knapp unter 35 Meter Höhe (An der Kuhtrift) und 25 Blöcke mit jeweils 26 Meter Höhe (Kurbadstraße), in Summe rund 1200 Wohnungen, sollen dort in den nächsten Jahren entstehen.

Jetzt schon ragt der benachbarte, über 55 Meter hohe, ehemalige Airo-Tower (nunmehr Taba-Tower) wie ein Fremdkörper aus der Landschaft. Zum Vergleich: In der Schutzzone im Oberlaaer Ortskern beträgt die maximale Bauhöhe sechs Meter. Das ehemalige Hotel an der Therme wird derzeit umgebaut. Entstehen sollen - neben Luxus-Apartments in luftigen Höhen - vor allem zwischen 30 und 55 Quadratmeter große Vorsorgewohnungen.

Werden die Pläne der Stadt Wien umgesetzt, ist der Blick auf den Kurpark durch die geplanten Neubauprojekte endgültig versperrt, sagt Stocker. Dagegen sammelt die Bürgerinitiative Unterschriften. Über 11.000 haben sie schon beisammen.

Die blau schraffierten Flächen auf Stockers Plan schließlich kennzeichnen die Entwicklungs- bzw. Hoffnungsgebiete privater Investoren. Teils wurden die Areale bereits verkauft, teils haben sich Bauträger und Immobilienentwickler die Grundstücke via Vorkaufsrecht gesichert. Noch sind die weitläufigen Flächen als landwirtschaftliche Nutzungszonen ausgewiesen, die potenziellen Neo-Eigentümer scheinen sich ihrer Sache jedoch sicher zu sein, dass mittelfristig eine Umwidmung in Bauland stattfinden wird.

Zu viele würden mittlerweile verkaufen, sagt Stocker. Ihre Beweggründe könne er verstehen: "Wenn man vor die Wahl gestellt wird, entweder sein Lebtag lang die mühevolle Feldarbeit fortsetzen, oder den nachfolgenden Generationen durch eine Unterschrift unter einen Kaufvertrag ein gesichertes Einkommen zu garantieren, fällt die Entscheidung nicht schwer".

Felder sollen verschwinden

Developer würden mittlerweile gutes Geld bezahlen, auch wenn die Quadratmeterpreise immer noch weit unter dem liegen, was man für Baulücken in den näher zum Zentrum gelegenen Bezirken hinlegen muss. Die Stadt müsse reagieren und die wenigen verbliebenen landwirtschaftlich genutzten Grundstücke unter Schutz stellen, fordert die Bürgerinitiative. Im Gegenzug sollen Bauern, die sich dieser Kulturflächen annehmen, besser unterstützt und gefördert werden. Das Bekenntnis von Stadtregierung und Gemeinderat zur Sicherung und Aufwertung des Grünraums um Ober- und Unterlaa ist den Aktivisten zu wenig. Vielmehr meint man darin einen Freibrief für Bauvorhaben bis eben exakt zu dieser Grenze zu erkennen. Seit geraumer Zeit macht in Oberlaa das Gerücht die Runde, dass sich unten den Grundstücksinteressenten auch der "Immobiliensammler" Rene Benko befinden würde.

Dass Richard Stocker "den großen roten Batzn links unten auf dem Plan" nur am Rande, dann aber mit zutiefst besorgter Miene erwähnt, ist kein Zufall. Der "Batzn", eigentlich Rothneusiedl, ist die Baustelle - eher Großbaustelle - eines anderen: nämlich die des Schneckenzüchters und Gastronomen Andreas Gugumuck.

Angesichts dessen, dass ihm die Stadt Wien auf dem knapp 150 Hektar großem und derzeit noch ausschließlich landwirtschaftlich genutztem Areal in den nächsten Jahren tausende Wohnungen und mindestens zwei U-Bahnstationen vor den Latz knallen wird, vermittelt Gugumuck einen erstaunlich tiefenentspannten Eindruck.

Lachend sitzt er am Holzdeck seiner Sommerbar - noch umgeben von Schnecken und Feldern -, und philosophiert über eine "essbaren Stadt", genossenschaftlich organisierte Kreislaufwirtschaft, visionäre Stadtlandwirtschaftskonzepte, Begegnungszonen im Erdgeschoß, bedingungsloses Grundeinkommen und die Römer, die es sich damals schon in Rothneusiedl gemütlich gemacht hätten.

Stadtpolitische Utopien

Zu tun hat das alles was mit dem "zusätzlichen Gschaftl", das sich der studierte Wirtschaftsinformatiker Ende des Vorjahres aufgehalst hat: Gugumuck ist seither Obmann des Vereins "Zukunftsraum Rothneusiedl". Im benachbarten, ehemaligen Hascha-, nunmehr Zukukunftshof, will er umsetzen, was ihn an gesellschaftspolitischen Utopien schon lange beschäftigt. Eine Stadt der kurzen Wege, eine neue Form des Zusammenlebens, eine neue Form der Zusammenarbeit - mit der, und nicht gegen die Natur.

Eigentlich ist der Verein lediglich Zwischennutzer des um 1900 erbauten, imposanten Vierkanthofes. Zur Verfügung gestellt hat ihn der Wohnfonds Wien, nachdem er ihn kurz zuvor noch abreißen wollte. Jetzt ist von einem Kulturprojekt die Rede, das laut Nutzungsvertrag zumindest für die nächsten 25 Jahre in dem rund 700 Einwohner zählenden Dorf und über die Grenzen der insgesamt 190 Hektar großen Ortsfläche hinaus Pionierarbeit leisten soll.

"Der Zukunftshof soll für ganz Wien ein Leuchtturmprojekt werden", sagt Gugumuck. Mitte September könne man sich der breiten Öffentlichkeit endlich vorstellen. Es soll ein Fest geben, mit viel Kulturprogramm und gutem Essen. An sich war dieses bereits für den Mai geplant, was Corona allerdings verunmöglicht hätte. Auch die Renovierungsarbeiten am Hof würden seither stagnieren, Geld für notwendige Investitionen müsse aufgetrieben und zusätzliche Mitstreiter für den Zukunftshof gefunden werden. "Ich bin kein Fantast, ich bin Realist", sagt Gugumuck; "Ich weiß, dass diese Stadterweiterung kommen wird, dass die Automatisierung weiter voranschreiten und die U-Bahn hier durchfahren wird. Ich will das nicht aufhalten, ich will die Zukunft mitgestalten."

Dazu wird Gugumuck vermutlich noch mehr als die bisher veranschlagten 25 Jahre Zeit haben, denn das bis 1945 niederösterreichische Rothneusiedl ist für die Wiener Stadtregierung so etwas, wie es das von Rene Goscinny und Albert Uderzo geschaffene, fiktive gallische Dorf für die Römer war. Schier uneinnehmbar.

Schon seit den 1970ern kursieren Pläne für eine Verlängerung der U1 - nach Rothneusiedl. Anfang der 1990er Jahre ist erstmals von 5000 Sozialwohnungen die Rede, die die Stadt Wien in Rothneusiedl errichten will. In den 2000er-Jahren schließlich erhält die Stadtregierung unerwartete Schützenhilfe. Der Austrokanadier Frank Stronach will dem FK Austria Wien ein neues, schöneres und vor allem größeres Stadion als das Horr-Stadion bauen. Und ein sehr großes Einkaufszentrum. Wo? In Rothneusiedl.

Pläne mit Stronach

Im Rathaus wittert man seine Chance und jubelt. Die Bevölkerung des kleinen gallischen Dorfes an der Wiener Stadtgrenze gründet die Bürgerinitiative "Stopp Megacity Rothneusiedl". Den Rest kann man in Zeitungsarchiven nachlesen.

Der Magistrat biss sich an den Rothneusiedler Landwirten die Zähne aus, die plötzlich exorbitant hohe Summen für ihre bis dato wirtschaftlich nur wenig relevanten Grundstücke zu verlangen wagten. Die Verhandlungen zogen sich, Frank Stronach verlor die Lust: zuerst an der Wiener Austria, später auch am Stadion-Einkaufszentrumsprojekt.

Das lukrative Vorhaben versandete, die U1-Verlängerung nach Rothneusiedl war zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits beschlossene Sache. Zumindest bis zum Jahr 2012, als man sich unvermutet dazu bekannte, die U1 bis nach Oberlaa (mit der Option einer Teilung der Linie nach Rothneusiedl bei der Station Alaudagasse) verlängern zu wollen. Aus Kostengründen, wie es damals hieß.

Protest gegen Pläne

Hinter vorgehaltener Hand wurde allerdings darüber getuschelt, dass die Stadt Wien durchaus Willens gewesen wäre, die überhöhten Grundstückspreise zu bezahlen und den zukünftige U1-Endbahnhof, wie geplant, nach Rothneusiedl zu verlegen, wegen Stronach letztlich aber darauf verzichtete. In der anfänglichen Euphorie hatte man dem Austrokanadier nämlich Vorkaufsrechte für Grundstücke in Rothneusiedl bis ins Jahr 2015 vertraglich zugesichert. Erkaltete Liebe zu den Violetten hin oder her, dieses Geschäft hätte sich Stronach sicher nicht entgehen lassen.

Acht Jahre, fünf Stationen, 4,6 Kilometer und über 600 Millionen Euro Baukosten später hat deshalb jetzt Oberlaa den Scherben auf. Zwischen hügeligen Weingärten, Quellschutzgebieten, Äckern und Einfamilienhäusern muss nunmehr eine Stadterweiterung stattfinden, die die U-Bahn-Verlängerung nachträglich rechtfertigt und die in Rothneusiedl zweifelsohne einfacher durchführbar gewesen wäre.

Am Platz vor der Kirche glühen die Gesichter einiger wutentbrannter Oberlaaer mit der Abendsonne um die Wette. Das "Dialograd", eine Art stadtplanerische Mediation, tourt durch Favoriten. Fast können einem die drei Mitarbeiter der Stadt Wien, die hier vergeblich um Sympathien für die geplanten Neubauten werben, leidtun.

"Ich habe mit der Planung nichts zu tun", erklärt einer von ihnen leicht entnervt. "Na, warum stehen Sie denn da herum, wenn Sie nichts damit zu tun haben?", erfolgt prompt die nicht minder entnervte Gegenfrage eines Bewohners. "Weil ich ihre Anregungen weitertragen muss", entgegnet ersterer. Ob die Botschaft ankommt?