Wien will eine Großoffensive im Gesundheitsbereich starten. In diesem Rahmen beginnt sich das Projekt eines dritten AKH-Turms zu konkretisieren, der Platz bieten soll für eine spezialisierte Forschung und maßgeschneiderte medizinische Betreuung für die Patienten.

Das Wiener Gesundheitswesen gehört nicht nur zu den besten Europas, es trägt auch beträchtlich zur Wirtschaft der Bundeshauptstadt bei. Mit 26,7 Milliarden Euro geht mehr als ein Viertel des Wiener Bruttoregionalprodukts (exakt: 28 Prozent) auf das Konto der Gesundheitswirtschaft. Das geht aus den Daten des Standortanwalts und Vizedirektors der Wiener Wirtschaftskammer, Alexander Biach, hervor, der sich im Auftrag der Stadt Wien mit dem Thema befasst hat und eine umfassende volkswirtschaftliche Analyse der Gesundheitsbranche in Wien erstellt hat. Dieses Zugpferd wollen Politik und Wirtschaft nun gemeinsam weiter ausbauen.

"Zu einer erfolgreichen Gesundheitsmetropole gehört auch eine funktionierende Gesundheitsinfrastruktur. Die Basis dafür besteht in Wien zweifelsohne, aber Teile von ihr sind bereits etwas in die Jahre gekommen", erklärte Finanzstadtrat Peter Hanke bei einer Pressekonferenz am Donnerstag.

Ziel ist es nun, Wien durch Investitionen zu einem Mekka für Medizin und Forschung zu machen. Bewerkstelligen will das ein breites Bündnis, dem unter anderen die Stadt Wien, die Wirtschafts- und die Ärztekammer, die Gesundheitskasse, die Industriellenvereinigung sowie der Verein Praevenire angehören. Der Standort Wien soll attraktiv für Unternehmer und Forscher gemacht werden. Auch internationale Organisationen will man nach Wien lotsen. Deklariertes Ziel ist es, dass die Hauptstadt eine sogenannte "Benannte Stelle" für die Zertifizierung von Medizinprodukten und In-vitro-Diagnostika in Österreich bekommt.

Biocenter wird erweitert

Zu den kommenden Leuchtturm-Projekten gehört die Errichtung eines dritten AKH-Turms auf dem MedUni-Campus. Dort entsteht ein Zentrum, das unter anderen biomedizinische Forschung, klinische Studien, Genom-Technologie, Bioinformatik und Internettechnologie vereint. Die Kosten dafür sollen sich auf etwa 60 Millionen Euro belaufen (siehe Interview auf Seite 14).

Gebaut wird im Bereich Lazarettgasse werden. Die derzeit dort befindlichen Gebäude sollen abgerissen werden. Ein weiteres Zugpferd ist das Vienna Biocenter in St. Marx. Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss aus 20 Biotech-Unternehmen, vier akademischen Forschungseinrichtungen, drei Organisationen aus dem Bereich Forschungskommunikation sowie einer Fachhochschule. Der Standort für Lebenswissenschaft (Biologie, Medizin, Pharmazie, Chemie und einige weitere) zählt schon jetzt zu den Top-Adressen auf dem Gebiet in Europa und soll weiter ausgebaut werden.

Des Weiteren geplant ist der Bau des neuen Hanusch-Pavillon 6. Der Operations-Komplex wird erweitert und den Betrieb von roboterassistierten Chirurgiesystemen ermöglichen. Im Sonnwendviertel wiederum entsteht mit Cape 10 auf 5000 Quadratmetern ein Sozial- und Gesundheitszentrum, das neben einem Primärversorgungszentrum ein Tageszentrum für obdachlose Frauen und ein Kompetenzzentrum für Kinder- und Jugendgesundheit beherbergen wird.

Das Geld für die Offensive in der Gesundheitsbranche wird sowohl von der öffentlichen Hand, als auch von privaten Investoren kommen. Werden alle Projekte wie geplant umgesetzt, rechnet Standortanwalt Biach damit, dass innerhalb der Wiener Gesundheitswirtschaft eine zusätzliche Bruttowertschöpfung in Höhe von 200 Millionen Euro generiert und mehr als 1800 zusätzliche Jobs in Wien geschaffen werden. Österreichweit belaufen sich die zusätzlichen volkswirtschaftlichen Effekte auf einen Beitrag zum BIP von knapp 260 Millionen Euro und insgesamt mehr als 2100 Arbeitsplätze.