"Dieser Verein schützt deine Demokratie!" steht auf einer Eingangstür nahe dem Schottentor Wien, dahinter: das Gemeinschaftsbüro der Literaturzeitschrift "Podium", des Zentrum polis (Politik Lernen in der Schule) und des Vereins Sapere Aude.

"Politikverdrossenheit der Jugend gibt es nicht", sind Patrick Danter (l.) und Hermann Niklas von Sapere Aude überzeugt. - © Marschall
"Politikverdrossenheit der Jugend gibt es nicht", sind Patrick Danter (l.) und Hermann Niklas von Sapere Aude überzeugt. - © Marschall

Zwischen Bücherwänden, Laptops und Infobroschüren besprechen Geschäftsführer Patrick Danter und Kernmitarbeiter Hermann Niklas den nächsten Workshop von Sapere Aude. Ihre These: Angebote für politische Bildung sind weder im Schulunterricht noch in der Erwachsenenbildung ausreichend vorhanden, "und wir tragen dazu bei, diese Leerstelle zu füllen", so Danter über den Verein, dessen sinngemäße Übersetzung nach Immanuel Kant lautet: "Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen." Und dazu muss der eigene Verstand erst gepflegt werden.

Gegründet wurde der Verein 2009, als Österreich - entgegen seinem Ruf - gesellschaftspolitisch nicht hinterherhinkte, sondern sich pionierhaft gab: nämlich als 2007 das Wahlalter von 18 auf 16 Jahre gesenkt wurde, was für andere EU-Staaten seither zumindest als Inspiration, wenn nicht sogar als Vorbild dient. "Aber der allgemeine Tenor damals war: ‚Um Gottes willen, wie wird das sein, wenn auch einmal die ganzen Jugendlichen wählen? Die wählen sicher das Falsche!‘", muss Niklas heute schmunzeln. Ein Zyniker würde hinzufügen: Viel falscher als die Erwachsenen kann auch die Jugend nicht wählen. Eine engagierte Person hingegen - in diesem Fall Umwelt-Expertin Magdalena Wagner - fand die Wahlaltersenkung zwar grundsätzlich gut, wollte aber eine Plattform schaffen, wo sich Jugendliche altersadäquat informieren und sich eine eigene Meinung bilden können: die Geburtsstunde von Sapere Aude.

Auch für Gehörlose und Gefängnisinsassen

Der Anfang war noch wild improvisiert, so Danter: "Magda ist ins Bildungsministerium gegangen und hat gesagt: ‚Hallo, hier bin ich! Wir bräuchten Geld für politische Bildung‘, und wegen der Wahlaltersenkung war große Bereitschaft da." Politikwissenschafter Danter hatte über ein schwarzes Brett von Sapere Aude erfahren und sich bei dem anfänglich in Waidhofen an der Ybbs angesiedeltem Projekt vorgestellt. Seither ist viel passiert. Das Büro in Wien haben sie seit 2011, fix leben von Sapere Aude können vier Menschen, die nicht nur Jugendlichen parteiunabhängige politische Bildung vermitteln, sondern auch Erwachsenen, Gehörlosen, Arbeitsmarkt-Integrationsgruppen oder Gefängnisinsassen. Dazu hat es bereits Zusammenarbeit gegeben mit der Uni Wien, der Arbeiterkammer, Amnesty International, dem Haus der Geschichte Niederösterreich und der Justizanstalt in Favoriten, bei denen auch auf Phänomene wie Social Media, Verschwörungstheorien oder die Covid-19-Pandemie eingegangen wird, so Danter: "Wir versuchen, uns immer wieder neu zu erfinden, es braucht immer neue Projekte und Zielgruppen, wenn man keine Grundförderung hat."

Gleichzeitig sind sie dadurch aber auch breiter und stabiler aufgestellt, als wären sie von einem großen Projekt bzw. Fördergeber abhängig. "So nehmen uns die Leute auch eher ab, dass wir unabhängig sind", sagt Danter, "und wir versuchen zunehmend, auch in den europäischen Bereich hineinzugehen und internationale Projekte zu machen." Parteiunabhängigkeit ist eine Eigenschaft, die sich Sapere Aude groß auf die Fahnen schreibt. Ein gutes Beispiel dafür ist die Vereinsgründerin Magdalena Wagner selbst: Irgendwann hatte sie den Wunsch, parteipolitisch aktiv zu werden.

Verschiedene pädagogische Ansätze je nach Zielgruppe

Im Vorstand wurde besprochen, wie das zusammenpasst, "und wir haben uns dann alle miteinander entschieden, dass sie vom Verein gehen muss, damit Unabhängigkeit auch nach außen hin gewahrt wird", so Niklas, der auch Schriftsteller ist und mit der Workshop-Schiene "Dichter ran!" kreatives Schreiben und politische Bildung kombiniert: "Wir sagen nie, dass die aktuelle Politik gut oder schlecht ist, aber sehr wohl, dass man gute oder schlechte Politik machen kann und dass Politik nichts anderes ist, als das Zusammenleben von Menschen zu organisieren."

Je nach Projekt und Zielgruppe werden verschiedene pädagogische Ansätze gewählt und Projekte entwickelt, für die Wien-Wahl etwa "Eure Fragen, eure Stadt". Dafür sammelt Sapere Aude Fragen von Jugendlichen, die diese den wahlwerbenden Parteien stellen wollen. Die Fragen kommen in eine Papier-Box, in die Ende September Spitzenkandidaten sämtlicher Parteien vor laufender Kamera greifen, um Rede und Antwort zu stehen. Die Aufnahmen kann man über den YouTube-Kanal von Sapere Aude anschauen. "Die Jugendlichen interessiert auch: Ist meine Frage gezogen worden oder nicht? Und dadurch sehen sie die anderen Statements", so Niklas über den niederschwelligen Zugang.

Videos für Schulen und Jugendzentren

Die Videos werden auch für Schulen und Jugendzentren gemacht, Lehrende können sie in den Unterricht einbauen: Besonders unter den gegebenen Umständen ist digitales Lernen ein starkes Steckenpferd, erklärt Niklas: "Wir haben noch einige Workshops bis zur Wahl, wobei man durch die Ampelschaltung nicht genau weiß, ob und wie sie stattfinden werden."

Ob digital oder analog: Mit politischer Bildung kann man im Grunde nicht früh genug anfangen, so Danter: "Die Schule ist ein guter, geschützter Rahmen dafür, weil man da noch keine anderen Sorgen wie Häusl bauen und Kinder großziehen hat." Das sehen auch die Schüler so. "Politikverdrossenheit der Jugend gibt es nicht, auch wenn die Jugendlichen das manchmal selber glauben", meint Niklas lachend: "Nach dem Workshop glauben sie es nicht mehr, weil man gut herausarbeiten kann, dass man sehr wohl von Politik betroffen ist, egal ob man sich dafür interessiert oder nicht. Wenn es das eigene Leben betrifft, das eigene Geld, oder wie man aktuell sieht: Ob man seine Freunde treffen und Party machen darf oder nicht, dann werden sie hellhörig." Wie auch immer die Wien-Wahl ausgeht: Danach soll von der Homepage von Sapere Aude "die Staubschicht weggeblasen werden und ein knackiges Portal für unsere digitalen Bildungs-Materialien und Interessierte entstehen", so Danter, der für neue Projektanfragen immer ein offenes Ohr hat.