Wer sich traut, 100 Euro für den Tipp zu riskieren, Wiens nächster Bürgermeister hieße Michael Ludwig, der kann am Sonntagabend um einen Euro reicher sein. Wer dagegen 10.000 Euro auf einen nächsten Stadtchef Heinz-Christian Strache setzt und damit recht behält - ist nach der Wien-Wahl Millionär. Ein Blick auf die Umfragen legt freilich nahe, dass letztgenannte Wette vor allem Bestätigung für eine alte Binsenweisheit liefern würde: Beim Glücksspiel gewinnt immer die Bank.

Dieser Erkenntnis zum Trotz erfreut sich der heimische Wettmarkt seit Jahren steigender Beliebtheit. Laut einer Studie der Johannes Kepler Universität Linz wurden 2018 österreichweit rund zwei Milliarden Euro auf Sportereignisse gewettet. Für 40 Prozent der Umsätze zeichneten Online-Wetten verantwortlich.

Trump als Umsatzbringer

Mit der Corona-bedingten Pause insbesondere der internationalen Fußball-Topligen brachen aber naturgemäß auch die Umsätze der Wettbranche vorübergehend ein. Die Unternehmen erweiterten ihr Portfolio um diverse Spezialwetten - und versuchten so auch, neue Zielgruppen zu erreichen. Die Pandemie beschleunigte diese Entwicklung - völlig neu ist sie aber nicht. So kann man schon seit vielen Jahren auf den Sieger des Eurovision Song Contests setzen. Die Quoten der Buchmacher sind längst wesentlicher Teil der TV-Moderationen rund um das Event. Während der Corona-bedingten Sportpause nahmen die Anbieter etwa auch Siegerwetten für TV-Shows wie "Big Brother" oder das "Dschungelcamp" in ihr Programm auf.

Im Politikbereich bringen vor allem die großen weltpolitischen Ereignisse Zusatzumsätze für die Unternehmen. "Die US-Wahl haben wir schon seit Jahren im Programm", sagt Stefan Gruber vom Wettanbieter bet-at-home. "Da tut sich beim Wettaufkommen richtig viel." Wer auf den Buchmacher-Favoriten Joe Biden von den Demokraten setzen will, kann das aktuell mit einer Quote von 1,50. Mehr Gewinn verspräche ein neuerlicher Sieg des republikanischen Amtsinhabers Donald Trump mit der Quote 2,55.

So wie im Sportbereich, gibt es aber auch bei den Politikwetten eine breite Palette von Details, auf die man setzen kann. Beim heimischen Anbieter bwin könnte man etwa mit der Wette "Trump gewinnt mit mehr Abstand als 2016" seinen Einsatz verdreifachen. Auch für die Frage, wie viele Bundesstaaten der nächste US-Präsident gewinnt, gibt es Wetten.

Für die Wien-Wahl am Sonntag sind die Wettmöglichkeiten ebenso vielfältig. Bei Bürgermeister-Wetten bringt der sehr wahrscheinliche Fall, dass Michael Ludwig (SPÖ) sein Amt auch in der nächsten Legislaturperiode ausüben wird, wenig überraschend nur eine eher unattraktive Quote: 1,01. Wer auf Gernot Blümel (ÖVP) setzt, bekommt mit 12,00 schon einen deutlich besseren Wert. Bei Birgit Hebein (Grüne) liegt die Quote bei 50,00, bei FPÖ-Spitzenkandidat Dominik Nepp bei 100,00. Bei einem Bürgermeister Christoph Wiederkehr (Neos) oder Heinz-Christian Strache winkt gar das 250-Fache des Einsatzes.

Alleinregierung oder nicht?

Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand anderer als Ludwig Wiens nächster Bürgermeister wird, ist aufgrund von Umfragen wie Realpolitik allerdings verschwindend gering. Die Kunden würden daher auch eher auf klassische Prozentwetten setzen, sagt Gruber von bet-at-home. Bei seinem Unternehmen gibt es bei der Frage, wie viel Prozent der Stimmen die SPÖ erhält, für den Tipp "42 oder weniger" die Quote 2,00, für "42,01 oder mehr" die Quote 1,70. Wetten dieser Art sind auch für alle anderen Parteien verfügbar. Bei der Frage, ob die ÖVP mehr oder weniger als 19 Prozent der Stimmen erhält, steht etwa für beide Tipps die Quote 1,85 zu Buche.

Konkurrent Interwetten bietet auch Wetten auf eine SPÖ-Alleinregierung nach der Wahl (4,00 für ja, 1,22 für nein) und auf Koalitionen. Für eine Fortführung der bisherigen rot-grünen Stadtregierung gibt es die Quote 1,50, für eine SPÖ-Neos-Koalition 4,50, für SPÖ-ÖVP 7,50. Eine "Dirndl-Koalition" aus Türkis, Grün und Pink, die die Neos allerdings bereits ausgeschlossen haben, käme auf die Quote 30,00. Für Türkis-Grün auch in Wien, allein schon rechnerisch praktisch ausschließbar, gäbe es eine Verhundertfachung des Einsatzes. Dass auf diesen Tipp allzu viel Geld gesetzt wird, darf aber bezweifelt werden.

Volumen wächst seit Jahren

Ohnehin haben die Wahlwetten "nicht den ganz großen Stellenwert was die Umsätze angeht", sagt Lukas Reichl von der Firma Interwetten. Sie brächten aber zusätzliche Aufmerksamkeit für das Geschäft und durchaus neue Zielgruppen. Das bestätigt auch Gruber von bet-at-home: "Es gibt eine wachsende Klientel, die nie Sportwetten macht, aber sich vor Wahlen regelmäßig mit Politikwetten betätigt." Auch wenn Sportwetten abseits der Corona-bedingten Einbrüche unbestritten die Cashcow der Branche sind - das Umsatzvolumen bei Politikwetten sei in seinem Unternehmen schon vor der Corona-Pandemie Jahr für Jahr gewachsen, sagt Gruber.