Nicht selten wird die sogenannte Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums Wien (KHM) mit dem Dresdener Grünen Gewölbe verglichen. In beiden Fällen handelt es sich um jahrhundertealte Sammlungen, die ihren Ursprung in der Renaissance haben. Hier wie dort beherbergen die Museen außergewöhnliche Objekte aus ehemaligen "Kunst- und Wunderkammern" großer Fürsten.

Während die Wiener Kunstkammer schon seit 2002 geschlossen ist (die neue KHM-Direktorin Sabine Haag bemüht sich nun um eine baldige Wiedereröffnung in frischem Glanz), zieht das Dresdener Historische Grüne Gewölbe seit seiner Wiedereröffnung im Jahr 2006 kunstinteressierte Menschenmassen aus ganz Europa an.

Von der Roten Armee requiriert

Ein Großteil des Grünen Gewölbes war im Zweiten Weltkrieg arg verwüstet worden. Die bereits zuvor ausgelagerten Kunstschätze hatte die Trophäenkommission der Roten Armee 1945 beschlagnahmt und in die Sowjetunion verfrachtet. Insofern ist es geradezu ein Wunder, dass dieses einzigartige Gesamtkunstwerk, inklusive der von der Siegermacht mittlerweile rückerstatteten Objekte, heute wieder besichtigt werden kann. Jahrzehntelang hatten sich Experten um Rekonstruktionen gekümmert.

Seine vollkommene Prachtentfaltung hatte das Grüne Gewölbe durch die im Auftrag des Kurfürsten August des Starken in den Jahren 1724 bis 1730 umgesetzten baulichen Umgestaltungen im Residenzschloss Dresden erhalten. Bei der Ausgestaltung seiner Wunderkammern hatte sich August der Starke insbesondere durch die Kunstsammlungen am französischen Königshof, in den Uffizien in Florenz sowie in der Schatzkammergalerie des Habsburger-Kaiserhofes in Wien inspirieren lassen.

Die Besonderheit des Grünen Gewölbes manifestierte sich vor allem in der theatralischen Darbietung der Wunderkammerstücke in verschiedenartigen Räumlichkeiten mit jeweils märchenhafter Ausstattung. "Man glaubt sich in einen Feen-Palast versetzt", schrieb der Philosoph Arthur Schopenhauer 1804 beeindruckt nach einem Rundgang durch das Gewölbe.

Die hier abgebildeten Straußeneipokale aus der Werkstatt des Leipziger Goldschmiedes Elias Geyer stammen aus dem "Pretiosensaal", wo die Ausstattungspracht des Renaissanceschlosses ganz besonders ins Auge sticht. Geyer hatte sich insbesondere auf die kunstvolle Verarbeitung von exotischen Naturalien spezialisiert.

Ikonographisch wird der Strauß von alters her mit einem Hufeisen im Schnabel dargestellt. Es war nämlich allgemein der Glaube verbreitet, dass diese Vogelart auch Eisen zu fressen und zu verdauen imstande sei.

Strauße als Eisenfresser

Der Philosoph und Theologe Albertus Magnus (um 1200 bis 1280) wollte dies überprüfen und stellte bei Experimenten fest, dass Strauße zwar Steine und Knochenteile fressen, aber kein Eisen. Nichtsdestotrotz hielt man allgemein an der Meinung vom eisenfressenden Strauß fest. So etwa führt Leoben als bedeutender Eisenumschlagplatz seit dem Mittelalter den Strauß mit Hufeisen im Stadtwappen.

Buchtipp: Dirk Syndram, Jutta Kappel und Ulrike Weinhold: "Das Historische Grüne Gewölbe zu Dresden. Die barocke Schatzkammer." Deutscher Kunstverlag, 177 Seiten, illustriert, 24,90 Euro.

Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Grünes Gewölbe
Residenzschloss, Mi bis Mo 10–18 Uhr
D-01067 Dresden, Taschenberg 2
Tel. 0049/351/491 42 000
www.skd-dresden.de