BDN-Moderator Hank Parker.
BDN-Moderator Hank Parker.

Wir haben bereits in den vorigen "Museumsstücken" über einige Aspekte der Ausstellung " off limits . Amerikanische Besatzungssoldaten in Wien 1945–1955" berichtet, die derzeit in der Wiener Stadt- und Landesbibliothek im Rathaus zu sehen ist. Die Ausstellung ist vor allem deshalb überaus sehenswert, weil deren Kurator, Hubert Prigl, in zahlreichen Einzelgesprächen mit US-Weltkriegsveteranen neue, teils frappante Erkenntnisse über die Besatzungszeit in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg gewinnen konnte. Auf diese Weise gelang es Prigl auch, eine Fülle von Fotografien aus amerikanischem Privatbesitz für die Ausstellung zusammenzutragen, die interessante Einblicke in die Verhältnisse im nachkriegszeitlichen Wien gewähren.

Ein eigenes Kapitel der Ausstellung beleuchtet die österreichische Rundfunkgeschichte zwischen 1945 und 1955. Nach dem Sieg der Alliierten über das NS-Regime richteten die Besatzungsmächte auch eine Anzahl von Rundfunkanstalten ein. Die ehemalige österreichische Rundfunkanstalt RAVAG (Österreichische Radio-Verkehrs AG), die 1938 dem "Deutschen Reichsfunk" einverleibt worden war, wurde nach dem Krieg wieder unter ihrem ursprünglichen Namen weitergeführt. Allerdings geriet der von der RAVAG betriebene Sender "Radio Wien" sogleich unter den massiven Einfluss der sowjetische Besatzungsmacht, die auch die Zensur über die Programme ausübte. Aus diesem Grund war die österreichische RAVAG bei der Bevölkerung als "Russensender" verschrieen. Während die Franzosen die "Sendergruppe West" und die Briten die "Sendergruppe Alpenland" installiert hatten, betrieben die Amerikaner den Sender "Rot-Weiß-Rot" sowie den Sender "Blue Danube Network".

Mickey Kaplan war einer der Starmoderatoren des amerikanischen Senders "Blue Danube Network" (BDN). Felix Dillmann
Mickey Kaplan war einer der Starmoderatoren des amerikanischen Senders "Blue Danube Network" (BDN). Felix Dillmann

Der Sender "Rot-Weiß-Rot" nahm im Juni 1945 zunächst in Salzburg und im November 1945 in Wien seinen Betrieb auf, womit auch dessen Schwerpunkt in die Donaumetropole verlegt wurde. Ein weiterer Ableger des Senders etablierte sich in Linz. Zielgruppe dieses Senders, der freilich auch pro-amerikanische Propaganda betrieb, war die österreichische Bevölkerung. Einer der charakteristischen Programmpunkte war die Sendung "Amerika ruft Österreich" . Beliebt war vor allem ein besonderes Service von "Rot-Weiß-Rot": In der unmittelbaren Nachkriegszeit lief die Sendung "Wir bringen Suchmeldungen" , wobei über viele Stunden hinweg - unterbrochen nur durch vereinzelte Musiknummern - Namen von Kriegsheimkehrern verlesen wurden.

In weiterer Folge versuchte "Rot-Weiß-Rot" mit Unterhaltungssendungen beim Publikum zu punkten. Beachtliche Einschaltquoten erzielten vor allem die Sendungen "Die Große Chance" mit Maxi Böhm sowie "Melodie und Rhythmus auf Bestellung" . Nicht wenige Hörer begeisterten sich auch für die originellen Produktionen "Brettl vorm Kopf" mit den Kabarettisten Carl Mertz, Helmut Qualtinger und Gerhard Bronner sowie für den "Watschenmann" . Unter der Leitung von Jörg Mauthe arbeiteten weiters Künstler wie Ingeborg Bachmann, Hans Weigl und Alfred Böhm. Im Dienste von "Rot-Weiß-Rot" standen zudem die Publikumslieblinge Peter Alexander, Fritz Eckhardt, Hugo Wiener und Günther Schifter. Den letzten Programmhöhepunkt gab es zu Sylvester 1954/55, wobei Karl Farkas und Marcel Prawy durch das Programm führten.

Als die Amerikaner den Sendebetrieb einstellten, versuchte der Industrielle Manfred Mauthner Markhof den Sender zu erwerben, um ihn mittels Werbeeinnahmen gewinnbringend weiterzuführen, jedoch wollte die Bundesregierung einen privaten Radiosender nicht zulassen. Schließlich wurde "Rot-Weiß-Rot" im "befreiten Österreich" vom staatlichen Rundfunk übernommen. Einige beliebte Sendungen, wie "Der Watschenmann" blieben noch eine Zeit lang aufrecht.

Als Service für ihre eigenen Soldaten betrieb die amerikanische Besatzungsmacht seit November 1945 den Sender "Blue Danube Network" (BDN). Das Hauptquartier des Senders befand sich bis 1951 in Wien und danach in Salzburg. Gesendet wurde ausschließlich in englischer Sprache. Legendär war die Ansage "This is BDN, the Blue Danube Network. You are tuned to BDN, serving United States Forces in Austria" . Die Sendezeit erstreckte sich wochentags von 6 Uhr bis 0.05 Uhr und am Sonntag von 7.30 Uhr bis 0.05 Uhr. Ein Teil der Ausstrahlungen, etwa Nachrichten, wurde von AFN Frankfurt und AFN München produziert. Sportsendungen übernahm "Blue Danube Network" direkt aus Amerika.

Sehr rasch stellte sich heraus, dass der für amerikanische Soldaten konzipierte Sender auch bei der heimischen Jugend großen Anklang fand, was vor allem auf das attraktive Musikprogramm zurückzuführen war. "Music as you like it" war das Motto des Senders, wie Prigl anhand einer Fotografie aus Privatbesitz nachweisen konnte. Beliebte Sendungen waren "Rise and Shine" , "Breakfast Club" , "Strictly Solid" und "Hillbilly Jubilee" . Ebenso wie die amerikanischen Soldaten begeisterten sich auch die österreichischen Jugendlichen - nicht selten sehr zum Ärgernis ihrer Eltern- hauptsächlich für den vom BDN ausgestrahlten Jazz. Populär wurden durch die Sendungen auch der "Bebop", eine klassische Variante des Jazz, sowie unterschiedliche Spielarten des Blues und Swing. Eine große Anhängerschaft unter den Hörern hatte weiters der "Hillbilly Jubilee", eine Mischung aus Blues und europäischer Volksmusik.

Ab 1946 veranstaltete BDN unter der Leitung von Marcel Prawy drei Mal wöchentlich für die GIs einen Radio-Deutschkurs. Neben Grundbegriffen der deutschen Sprache lernten die amerikanischen Soldaten bei dieser Gelegenheit diverse Texte beliebter Wienerlieder.

BDN beschäftigte auch eine Anzahl von Österreichern. Zu Jahresende 1951 bestand der Sender aus 30 US-Soldaten, 14 amerikanischen Zivilisten und 25 österreichischen Angestellten. Am 28. August 1955, um Mitternacht, stellte der Sender BDN Wien seinen Sendebetrieb ein, während das Salzburger Studio von den Amerikanern noch bis zum 14. Oktober 1955 aufrecht erhalten wurde.

Print-Artikel erschienen am 19. April 2005
in der Kolumne "Wiener Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", S. 10