Die "Weense Tram" - im Originaldesign seit 2009 auch auf Utrechts Straßen zu finden. - © Hartig
Die "Weense Tram" - im Originaldesign seit 2009 auch auf Utrechts Straßen zu finden. - © Hartig

Utrecht. So mancher Tourist aus Österreich, der Utrecht in den Niederlanden einen Besuch abstattet, wird sich wohl verwundert die Augen reiben und fragen, ob er denn gerade ein Déjà-vu erlebe. Denn in der Domstadt kann es ihm schnell passieren, dass er eine alte Wiener Bekannte wiedersieht: Hier haben die Straßenbahnen, die bis Ende 2008 auf der Linie U6 fuhren, ein neues Zuhause gefunden. Im originalen Design und mit demselben Logo befördern die Wagen die Passagiere vom Hauptbahnhof bis zur Nachbargemeinde Nieuwegein. Diese Bahn, die in Utrecht "Weense Tram", Wiener Straßenbahn, genannt wird, hält nicht überall, dafür sind an ihren sieben Haltestellen die originalen Schilder der Wiener Linien angebracht. Mit niederländischer Beschriftung, wohlgemerkt.

"Vor etwa sechs Jahren waren wir auf der Suche nach neuen Straßenbahnwagen, die wir zur Unterstützung in den Hauptverkehrszeiten einsetzen können", erklärt Gerrit Barmentlo, Spezialist für Straßenbahnsysteme beim "Bestuur Regio Utrecht" (BRU), einem Zusammenschluss von neun Gemeinden rund um Utrecht. Es war schnell klar, dass neue Straßenbahnen nicht infrage kamen, da die Wagen bald eingesetzt werden mussten und neues Material beinahe zehn Mal teurer war als gebrauchtes. Als Frank Hemminga, Projektleider beim BRU, hörte, dass die Wiener Linien einen Teil ihres Fuhrparks ausmustern wollten, war er sofort interessiert. Es zeigte sich schnell, dass diese Straßenbahnen aus technischer Sicht gut in Utrecht passen würden. Ende 2007 flogen Barmentlo und Hemminga nach Wien und trafen sich mit Vertretern der Wiener Linien. Frank Hemminga erinnert sich an die gute Atmosphäre bei den Gesprächen, die während der Besichtigung der Straßenbahnen und beim Schnitzelwirt an der Neubaugasse geführt wurden.

Im März 2008 wurde ein Mietvertrag für einen Testwagen unterzeichnet, im April lud ein Spezialtransporter die Bahn im Depot Nieuwegein ab. Nach einigen Testfahrten wurde der Kauf von insgesamt zwanzig Wagen beschlossen. Das Design oder die Farbe zu ändern hatten Barmentlo und Hemminga nie in Erwägung gezogen. "Wien ist eine schöne Stadt. Die Leute hier haben ein gutes Gefühl, wenn sie an Wien denken. Die Straßenbahnen im originalen Outfit bringen dann auch dieses Gefühl mit sich", findet Hemminga.

Ab Sommer 2008 wurden die Wagen Stück für Stück in die Niederlande transportiert. Hemminga erzählt, dass die Straßenbahn teilweise direkt nach ihrer Fahrt im Wiener Stadtverkehr von der Schiene geholt, verladen und nach Utrecht gebracht wurden. In einem Wagen hat Hemminga noch ein Paar Handschuhe gefunden, das ein Passagier in Wien vergessen hatte. Die Zeitungen, die in den Wagen lagen, hat er alle aufbewahrt. "Die geben ein Bild von den letzten Tagen, an denen die Straßenbahnen noch auf der U6 in Wien fuhren."