Wien. Als Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP) Mitte September seine Pläne zu Änderungen bei der Sprachförderung präsentierte, antwortete der Koalitionspartner mit heftiger Ablehnung. Wobei, nicht die gesamte SPÖ. Die Wiener SPÖ reagierte in Form eines Plagiatsvorwurfs: Die Kurz’sche Idee, Kinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse in der Vorschule sprachlich zu fördern, sei in Wien seit Jahren Realität, erklärte damals die Präsidentin des Stadtschulrats, Susanne Brandsteidl.

Wien ist beim Thema Integration innerhalb Österreichs ein Sonderfall. "Wir haben die Hauptverantwortung", sagt die für Integration zuständige Stadträtin Sandra Frauenberger. Sie betont, dass mittlerweile mehr als jedes zweite Schulkind in Wien einen Migrationshintergrund aufweist, also mindestens ein Elternteil im Ausland geboren worden ist. Bei ganz kleinen Kindern beträgt der Anteil schon rund 70 Prozent.

"Wir müssen eine Gesellschaft schaffen, die das als Chance sieht", sagt Frauenberger. Vor allem Mehrsprachigkeit sei eine solche Chance, die im Erwerbsleben Möglichkeiten schafft. Die Stadt Wien hat deshalb auch die Förderung von Mehrsprachigkeit zu einem Schwerpunktthema für das kommende Jahr erklärt. "Deutsch darf nicht gegen andere Sprachen ausgespielt werden", sagt die Stadträtin. Zumal eine Alphabetisierung in der Muttersprache wichtig ist, um dann auch andere Sprache zu erlernen.

Jedes Kind wird gescreent

In 117 Vorschulklassen werden gegenwärtig in Wien Kinder auf den Regelschulunterricht vorbereitet, allerdings sind es nicht immer mangelnde Sprachkenntnisse, die das Problem darstellen. "Das ist ein ganz weites Spektrum", sagt Brandsteidl. Auch die soziale Kompetenz und verminderte motorische Fähigkeiten können ein Grund für gezielte Fördermaßnahmen sein. Vor vier Jahren hat Wien sein "1+1-Fördermodell" eingeführt, bei dem zuerst im Kindergarten, dann in der Vorschule versucht wird, die Mankos auszugleichen, seit Schaffung des verpflichtenden Kindergartenjahrs 2010 können nun alle Kinder einem Screening unterzogen entsprechend gefördert werden. "Das ist eine ganz wesentliche, erfolgreiche Maßnahme", sagt Bildungs- und Jugendstadtrat Christian Oxonitsch.

Im Vorjahr musste die Stadt Wien das Projekt alimentieren, nachdem die in der sogenannten 15a-Vereinbarung mit dem Bund geschlossenen Finanzierung ausgelaufen war. Mittlerweile konnte eine neue Übereinkunft mit dem Bund bis 2014 geschlossen werden, wobei Wien die Hälfte der 2,4 Millionen Euro jährlich aufbringt, die das Projekt kostet.

"Bei der Hälfte der Kinder mit Deutsch als Zweitsprache gibt es keinen Förderbedarf", sagt Oxonitsch. Dafür gebe es diesen bei gegenwärtig 18 Prozent der Kinder mit Deutsch als Erstsprache.

Wenn die Kinder dann einmal in der Volksschule sind, greifen andere Fördermaßnahmen und Projekte. Seit 2008 wird etwa auch versucht, verstärkt in Kommunikation mit den Eltern zu treten, Integrationsstadträtin Frauenberger verweist auf die Aktion "Bildung macht Schule" und Eltern-Cafés. "Aber Elternarbeit ist wirklich zäh", sagt sie.

Wenn der Bildungsweg ab dem Kindergarten durchschritten wird, sollte die Sprache kein hemmendes Kriterium zur Erlangung höherer Bildung sein. "Gerade die Türken haben den größten Bildungsaufstieg", sagt Brandsteidl. Freilich von niederem Niveau aus.

Eine Herausforderung ist es, wenn Kinder erst im Teenageralter nach Österreich kommen. Durch den im Bundesgesetz geregelten Familiennachzug dauert es manchmal Jahre, bis Kinder nachkommen können. Und bisweilen haben sie dann schon das goldene Lernalter verlassen.