Maly Trostinec in Weißrussland; dort wurden die meisten Wiener Juden ermordet. - © Stadt Wien
Maly Trostinec in Weißrussland; dort wurden die meisten Wiener Juden ermordet. - © Stadt Wien

Wien. Aus der Ichmanngasse wurde die Wiesenthalgasse, aus der Heinrich-Maxa-Gasse der Marathonweg und aus der Margarethe-Dietrich-Gasse die Helene-Richter-Gasse. In den letzten 15 Jahren hat die Stadt Wien diese drei Straßen umbenannt. Alle drei benannten Straßen, wo damals noch niemand gewohnt hat. Im Frühjahr 2012 kam dann die größte Straßennamen-Umbenennungs-Aktion; der Dr.-Karl-Lueger-Ring wurde zum Universitätsring. Damit ist jener Abschnitt des Ringes nun nicht mehr nach einem Antisemiten benannt.

Das war’s dann auch schon. Viel mehr will die Stadt Wien nicht mehr umbenennen. Denn es gehe nicht darum, Dinge auszulöschen, sondern sie sichtbar zu machen und sie in einen historischen Zusammenhang zu stellen, so Kultur-Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny. "Wir wollen die Geschichte nicht unter den Teppich kehren", sagt auch sein Pressesprecher, Daniel Benyes, der Autor der Broschüre "Erinnern für die Zukunft. Wien und seine Gedächtniskultur". Eine Umbenennung wie beim Dr.-Karl-Lueger-Ring soll die Ausnahme bleiben.

Vielmehr will die Stadt historisch bedenkliche Straßennamen und Orte mit Zusatztafeln versehen, die die Geschichte erklären sollen. So hat das Stalin-Konterfei in der Schönbrunnerstraße eine solche Zusatztafel erhalten. Auch für den neuen Universitätsring ist eine geplant. Doch auch ohne Zusatz würde Lueger nicht in Vergessenheit geraten. 13 weitere Orte in Wien enthalten seinen Namen; der Lueger-Platz im 1., die Lueger-Kirche am Zentralfriedhof oder eine Eiche im Rathauspark.

Vor rund 20 Jahren hat die Arbeit der Stadt an ihrer Vergangenheit begonnen. Seitdem wurde das Shoah-Denkmal am Judenplatz errichtet, das Jewish Welcome Service installiert oder die Jüdischen Friedhöfe saniert. Erst im vorigen Jahr wurde jener Platz im 15. Bezirk neu gestaltet, wo einst der Turnertempel stand. Vor dem Zweiten Weltkrieg war dieser einer der wichtigsten Bethäuser der Stadt. Die heutige Gestaltung zeigt schwarze, am Boden liegende Beton-Balken, die die Zerstörung des Dachstuhls symbolisieren sollen. Die Neugestaltung wurde von Anrainern und Mietern des Hauses "Herklotzgasse 21", Ecke Turnergasse initiiert.

Die Gedächtniskultur-Broschüre fasst zusammen, was bisher in Sachen Wiedergutmachung und Aufklärung passiert ist. Sie wird derzeit an alle betroffenen Kultur-Institutionen verschickt und kann kostenlos bestellt werden (E-Mail).

Noch nicht abgeschlossen


Die Aufarbeitung ist laut Stadt noch lange nicht abgeschlossen. Immer wieder würde Neues entdeckt, wie etwa Maly Trostinec, ein Ort in Weißrussland, wo die meisten Wiener Juden ermordet wurden. Dort soll ein Denkmal errichtet werden. Bis es so weit ist, erinnern Namensschilder, die an den Bäumen angebracht wurden, an die Opfer. Ein weiteres zukünftiges Projekt ist die Errichtung eines Deserteursdenkmals am Ballhausplatz. Nachdem diese Personengruppe durch Bundesgesetze rehabilitiert wurde, hat sich die Stadt entschlossen, ein Denkmal zu setzen. Der Auftrag wurde bereits an den Verein "KÖR - Kunst im öffentlichen Raum" weitergeleitet. Der Verein, im Eigentum der Stadt, setzt eine Jury und einen Beirat zusammen, die über die Gestaltungskriterien entscheiden werden. Danach wird der Auftrag ausgeschrieben.

Sowohl das Personenkomitee in Sachen Deserteursdenkmal als auch die Historiker-Kommission rund um Oliver Rathkolb sollen bis nächstes Jahr Ergebnisse bringen. Der Zeithistoriker überprüft bereits seit zwei Jahren die 4200 personenbezogenen Straßennamen in Wien. Im Mai 2013 will er die Ergebnisse präsentieren. Ob dann tatsächlich Namen von menschenverachtenden Personen ausgetauscht oder jene Straßenschilder mit Zusatztafeln versehen werden, ist dann wohl eine Frage der Vermittlung.