Sinnvolle Beschäftigung soll den Jugendlichen Struktur und Selbstwertgefühl vermitteln. Urban
Sinnvolle Beschäftigung soll den Jugendlichen Struktur und Selbstwertgefühl vermitteln. Urban

Wien. Zwei Stunden hat der junge Mann auf benutzte Kaffeekapseln eingeschlagen, bis sie flach waren. Danach machte er sich gelöst daran, aus alten Fahrradschläuchen Handy-Taschen zu nähen. Werner Brader, Projektleiter von "Restart", kennt viele solcher Geschichten. Seit Anfang September gibt es die neue Initiative der Caritas in der Grundsteingasse im 16. Bezirk. Von Anfang an wurden die drei kleinen Arbeitsräume des Erdgeschoßlokals von Jugendlichen zwischen 15 und 20 Jahren überlaufen. Acht Arbeitsplätze gibt es, fast immer ist die Nachfrage größer. Jugendliche, die das erste Mal da sind, werden vorgereiht, auch jene, die beim vorigen Mal abgewiesen wurden.

Das Caritas-Projekt richtet sich an ausgrenzungsgefährdete Jugendliche: "Sie haben die Schule abgebrochen, keine Ausbildung, damit keine Arbeit und kein Einkommen. Wenn es dann auch noch in der Familie kriselt und sie von dort wegmüssen, haben sie gar nichts", schildert Martin Haiderer, Leiter der Jugendarbeit der Caritas Wien, die prekäre Lage der Jugendlichen. Er hat in seiner Arbeit in den vergangenen Jahren bemerkt, dass die Zahl der Jugendlichen, die aus dem System Schule - Ausbildung - Arbeit herausfallen, laufend zunimmt. "Es sind Jugendliche, die Suchtmittel konsumiert haben, die psychisch auffällig sind oder auch wegen ihrer Persönlichkeitsstruktur eine andere Betreuungseinrichtung nicht schaffen", so Haiderer. Da es für diese kein Angebot für einen Wiedereinstieg ins System gab, entstand 2011 die Idee für diese Einrichtung.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen und wird verkauft.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen und wird verkauft.

Ziel ist es in erster Linie, den jungen Menschen wieder ein gewisses Selbstwertgefühl zu geben. Immerhin hätten die meisten dieser Jugendlichen eine schwierige Kindheit hinter sich und auch schon mehrere Einrichtungen durchlaufen, wodurch sie oft die Erfahrung gemacht hätten, nichts wert zu sein und sich daher auch nichts zutrauen würden, führt Haiderer aus. Gleichzeitig können sie an diesem Ort durch die Anbindung an Sozialarbeit auch Unterstützung bei persönlichen Krisen oder Konflikten bekommen.

Bei "Restart" sollen sie die Erfahrung machen, dass sie durchaus etwas können, indem sie in mehreren einfachen Arbeitsschritten aus Recycling-Material Mehrwert schaffen und praktische Dinge wie Handy- oder Tragetaschen oder aus den Alu-Kaffeekapseln Schmuck herstellen. Verkauft werden die Erzeugnisse derzeit noch in den Räumlichkeiten von "Restart", später soll man sie auch im Caritas-Shop "Marktplatz" am Yppenplatz erwerben können. Die Anleitung übernehmen ein erfahrener Sozialarbeiter und eine Kunsttherapeutin, die über die verschiedenen Arbeitsfelder auf die verschiedenen Bedürfnisse der Jugendlichen eingehen können. Außerdem sollen sich die Jugendlichen an eine Tagesstruktur gewöhnen und bekommen gleichzeitig auch die Möglichkeit für ein legales Einkommen: Für jede gearbeitete Stunde bekommen sie ein "sozialtherapeutisches Taschengeld" von 4 Euro. Während die Mindestarbeitszeit eine Stunde beträgt, bekommen die jungen Menschen eine "Erfolgsprämie" von ebenfalls 4 Euro, wenn sie vier Stunden am Stück durchhalten. So können sie bis zu 20 Euro verdienen.

Fahrradschläuche und Kaffeekapseln gesucht


"Die Initiative kommt gut an, die Jugendlichen zeigen eine hohe Arbeitsdisziplin und auch soziale Kompetenz. Hier wird es geschafft, die Jugendlichen zu motivieren und sich an die Hausordnung zu halten", freuen sich Haiderer und Brader. Seit Anfang September waren bereits 51 verschiedene Jugendliche bei "Restart". Die Einrichtung, die sich ausschließlich aus Spenden finanziert, ist derzeit nur an zwei Tagen in der Woche (Dienstag und Donnerstag von 8.30 bis 12.45 Uhr) offen. Bis Ende November befand sich die Einrichtung im Probebetrieb und wurde über Mundpropaganda empfohlen.

Bei der offiziellen Eröffnung vor rund einer Woche konnte ein kleiner Erfolg gefeiert werden: Sieben der aus alten Fahrradschläuchen gefertigten Handy-Taschen wurden geordert. Diese werden nun laufend produziert. Wobei desolate Fahrradschläuche derzeit - außerhalb der Radsaison - Mangelware seien, erzählt Brader. Auch an gebrauchte Kaffeekapseln aus Alu kommt man gar nicht so leicht ran, werden sie von der Verkaufsfirma aus hygienischen Gründen nicht abgegeben. Neben Geldspenden freut man sich also auch über ausrangierte Fahrradschläuche und gebrauchte Kaffeekapseln. Damit der nächste Jugendliche sie flachhämmern kann.