Wien. Wer sich in den Keller- und Tunnelsystemen nicht bestens auskennt, sollte lieber keinen Einstiegsversuch in das unterirdische Wien wagen. Böse Zungen behaupten, unterhalb des gepflasterten Wiens seien bereits Menschen verschwunden. Auch wenn es sich bei den abenteuerlichen Erzählungen vermutlich um so genannte "Urban Legends" oder eine Art "Fremdenführer-Seemannsgarn" handelt: Es scheint nicht unmöglich, hier für immer unentdeckt zu bleiben, auch wenn einige der Keller und Tunnels längst dem U-Bahn- oder Tiefgaragen-Bau zum Opfer gefallen oder einfach nicht mehr öffentlich zugänglich sind. Grund genug, sich einmal selbst in das unterirdische Wien zu begeben.

Überreste aus vielen Jahrhunderten
"Unbekanntes unterirdisches Wien" – so heißt die Führung, in deren Rahmen Christopher Timmermann von "Vienna Walks" Einheimischen und Touristen die Faszination des Wiener Untergrunds näher bringt. Wir treffen einander bei den römischen Ausgrabungen am Michaelerplatz. Hier zeigt sich ein für Wien sehr typisches Bild: Vor uns liegen Überreste, die von der Römerzeit bis ins 19. Jahrhundert reichen, wie wir etwa an den Resten der Wände erkennen können. "Das ‚H‘ und ‚D‘ auf den Ziegeln vor Ihnen steht für Heinrich Drasche, einen berühmten Ziegelfabrikateur" erzählt Timmermann. "Heute ist die Firma unter dem Namen Wienerberger bekannt."

Nach dem spannenden Blick von oben auf das unterirdische Wien wandern wir weiter zum berühmten Esterhazy-Keller in der Naglergasse. Vorbei an sich labenden Einheimischen und Touristen, bekommen wir zu sehen, woran die meisten achtlos vorbei gehen: die Belüftungssysteme eben jener Keller. Und wir erfahren, dass der Stadtheurige theoretisch dreistöckig – nach unten hin – angelegt sein könnte.

Durch das traditionelle Trachtengeschäft Trostmann im Melkerhof erreichen wir viele Stufen später einen typischen unterirdischen Verbindungsgang. Ich stelle mir vor, wie es wäre, nur mit einer Fackel in der Hand durch den verwinkelten Keller zu irren. Und mit viel Glück irgendeinen nicht zugemauerten Ausstieg zu finden, der mich wieder nach oben brächte. Viele der Gangverbindungen wurden während des zweiten Weltkriegs als Luftschutzanlagen verwendet. In dem verhältnismäßig kleinen Raum, in dem unsere Gruppe steht, hätten zum Teil 40 Personen über Wochen und Monate gelebt, erzählt unser Guide. Unter Platzangst durfte da wohl niemand leiden. Selbst die Pferde wurden über Bretter nach unten geführt – eine Tränke zeugt noch davon.

Der Tod steht Wien gut
Dass das unterirdische Wien mit vielen Leichen gepflastert ist, stellen wir später fest, als wir die Michaelergruft betreten. Die barocke Gruft befindet sich einige Meter unterhalb des Gottesgebäudes und wurde erst nach diesem errichtet. "Passt bitte auf, dass ihr nicht an den Särgen ankommt", warnt Timmermann. Und fügt schmunzelnd hinzu: "Meine Mutter hat hier letztens unfreiwillig ‚Sarg-Domino‘ gespielt."

Auch wenn unser Guide einen eher lockeren Umgang zum Thema Tod pflegt, die Totenruhe wird respektiert. "Dass wir hier teilweise mumifizierte Leichen in ihren Särgen sehen können, ist schon das Höchste der Gefühle. Hausherr Pater Peter legt Wert darauf, dass sie hier so weit wie möglich in Ruhe gelassen werden", erklärt unser Guide.  So wird wohl auch für immer unklar bleiben, ob es sich bei der mumifizierten Leiche mit Spitznamen "Aschenputtel" – sie trägt nur einen Schuh – um eine junge oder ältere Dame handelt. In jedem Fall muss "Aschenputtel" einer wohlhabenden Familie entstammen. "Hier liegen die oberen 10.000, sage ich immer", so Timmermann. 200 Särge gibt es hier heute noch, außerdem jede Menge einzelne Schädel und Knochen. Ursprünglich wurden hier wohl tausende Tote begraben.

Ein Ort der Ruhe
Es ist still in der Gruft. Und kalt. Erst im Sommer wurde eine Klimaanlage eingebaut, um die Särge vor dem Käferbefall zu retten. Die aufwendig bemalten Holzsärge werden derzeit renoviert. Auch den gusseisernen, noch wertvolleren Ruhestätten sollte das möglicherweise bevorstehen: Der Zahn der Zeit nagt am Material. Ein kurzer Schauer läuft mir über den Rücken, als plötzlich Pater Peter hinter uns steht. Wir hätten vergessen, die Türe zur Gruft zu schließen, meint er. Hatten wir aber nicht. "Es sind sicher auch nur böse Legenden, die behaupten, dass hier früher einmal Touristen über Nacht eingesperrt waren", denke ich mir. Und bin trotz aller Faszination froh, als ich kurz darauf wieder ans Tageslicht trete.