Das Schweigen der Reichen sorgt auch im Sozialbericht für Ungleichgewicht. - © apa/Fohringer
Das Schweigen der Reichen sorgt auch im Sozialbericht für Ungleichgewicht. - © apa/Fohringer

Wien. Über Geld spricht man nicht. Vor allem, wenn man es hat. Mit dieser Geisteshaltung hatten die Mitarbeiter der Österreichischen Nationalbank bei der Recherche des ersten Reichtumsberichts zu kämpfen. Im Auftrag der Stadt Wien sollten die Autoren im Rahmen des zweiten Wiener Sozialberichts herausfinden, wie es auch um das Vermögen der Wiener Haushalte bestellt ist. Das Ergebnis: 40 Prozent aller Haushalte haben de facto gar kein Vermögen.

Bei Vermögen geht es nicht nur um den schnöden Mammon, sondern um alles, das sich auch zu Geld machen lässt - also Häuser, Wohnungen, Autos, Wertpapiere, Juwelen, und so weiter. Kurzum, Onkel Dagoberts Welt in all ihrem Glitzer.

Die Vermögensstruktur der Wiener sieht anders aus als im Rest Österreichs. Jene wenigen, die es haben, parken ihr Vermögen eher in Wertgegenstände als in Immobilien und Autos. Während in der Provinz 56 Prozent aller Haushalte ihren Hauptwohnsitz ihr Eigen nennen können, sind es in der Hauptstadt nur 20 Prozent. Auch dürften die Wiener mit der Aussage "mein Auto" bei Klassentreffen weniger prahlen. Zwar besitzt jeder zweite Haushalt von der Innenstadt bis Liesing ein Kraftfahrzeug, doch sind es auf dem Land mit 81 Prozent deutlich mehr.

Es gilt die Ergebnisse im Kontext zu sehen. Klar, wer mit der geschenkten Eigentumswohnung der Eltern ins Leben startet, hat eine bessere Ausgangsposition, als jener, der sich auf die Warteliste günstiger Gemeindewohnungen setzen muss. Doch nimmt Familie Bauer aus Gramais in den Tiroler Bergen den Kredit für das Eigenheim deswegen auf, weil sie lieber in den eigenen vier Wänden haust, oder weil es keine günstigeren Angebote gibt, um zu wohnen? Besitzt sie einen Pkw aus Jux und Angeberei oder weil keine Straßenbahn in regelmäßigen Intervallen ins Tal fährt? "Privates Vermögen ist daher stets auch in Wechselbeziehung zu öffentlichen Leistungen zu sehen", heißt es in dem Reichtumsbericht. Man besitzt, weil es die öffentliche Hand nicht bietet - und das dann in Form von Schulden.

Kleinere Familien in Wien


Ein wesentlicher Grund für den Unterschied in der Vermögensstruktur zwischen Wien und Restösterreich ist die Größe der einzelnen Haushalte. "Am Land gibt es größere Familien, die als ein Haushalt erfasst werden. Da partizipieren auch mehrere Menschen am Vermögen, während es in Wien mehr Einpersonenhaushalte gibt, die auch einmal nichts haben", erklärt Peter Stanzl, Leiter der Sozialplanung in der Abteilung Gesundheits- und Sozialplanung der Stadt Wien.

Die Autoren des Berichts stellen fest, dass Vermögen durchschnittlich ungleicher verteilt ist als Einkommen. Während der Großteil der Wiener Haushalte kaum Vermögen hat, besitzen die Top-30 Prozent aller Haushalte knapp 92 Prozent des Nettovermögens, also Sach- und Finanzvermögen minus Verschuldung. Bei den oberen zehn Prozent der Haushalte sind es gar 64 Prozent.

Konkrete Aussagen über die Vermögenskonzentration in Österreich kann der Bericht nicht geben. In den oberen Etagen ist man nämlich nicht sehr auskunftsfreudig, wenn es ums Geld geht. Jene Wiener, die Sozialleistungen vom Kindergeld bis zur Mindestsicherung in Anspruch nehmen müssen, können akribisch erfasst werden. Ihre Daten lassen sich auf 245 Seiten Sozialbericht pressen. Wer nichts vom Staat braucht, kann sich den Luxus des Nicht-Auskunftgebens leisten, die anderen müssen hingegen alles offenlegen.

Reichtum bleibt ein Tabu


Dementsprechend dünn sieht auch der Reichtumsbericht mit 23 Seiten aus. "Es müsste mehr Informationen über Vermögen geben", sagt Stanzl. Eine Datenbank zu Vermögen gibt es nicht, bei der aktuellen Erhebung konnte man sich nur auf die freiwillige Teilnahme der Befragten verlassen. Reichtum bleibt ein Tabu. Jene, die haben, lassen sich ungern in die Karten schauen, wie sie ihr Vermögen bewahren und vor allem vermehren. Das hilft, den eigenen Mythos aufrechtzuerhalten. "Die Reichen sind ganz anders als wir", soll der amerikanische Schriftsteller und Chronist der Reichen und Schönen F. Scott Fitzgerald einst gesagt haben. Vielleicht lässt sich in den zukünftigen Reichtumsberichten erfahren, wie anders sie sind.