Zwischen 1923 und 1934 wurde trotz Hinwendung zu neuen Formen nicht auf die monumentale Wirkung verzichtet, wie etwa beim Lasalle- (l.) oder Rabenhof. (r.). - © Seiß
Zwischen 1923 und 1934 wurde trotz Hinwendung zu neuen Formen nicht auf die monumentale Wirkung verzichtet, wie etwa beim Lasalle- (l.) oder Rabenhof. (r.). - © Seiß

Wien. Als Wiens Sozialdemokratische Arbeiterpartei 1919 die erste freie Kommunalwahl für sich entschied, hatten - als Erbe der zerfallenen Donaumonarchie - nur fünf Prozent aller Wiener Wohnungen fließendes Wasser und lediglich sieben Prozent verfügten über elektrisches Licht. Die meisten Wohnungen waren zudem überbelegt und aufgrund der dichten Bebauung der gründerzeitlichen Massenquartiere schlecht belichtet und belüftet. Die Tuberkulose grassierte in dieser Zeit wie eine Seuche und hieß im ganzen Kaiserreich bezeichnenderweise "Wiener Krankheit". So überrascht es nicht, dass die neue Stadtregierung den Wohnbau in der 2,2-Millionen-Metropole als ihre vordringlichste politische Aufgabe sah.

1922 eigenes Bundesland


Allerdings fehlte es zunächst an den nötigen Budgetmitteln wie auch an den erforderlichen Grundstücken, um in größerem Stil menschenwürdige und leistbare Wohnungen zu errichten. Erst mit der Herauslösung der Stadt aus dem konservativ regierten Niederösterreich und ihrer Konstituierung als eigenes Bundesland im Jahr 1922 wurde es möglich, die rechtlichen und fiskalischen Voraussetzungen für das ehrgeizige Wohnbauprogramm zu schaffen.

Zunächst wurde der Mieterschutz gesetzlich festgeschrieben und eine Mietzinsabgabe eingeführt. Der entscheidende Schritt erfolgte aber am 20. Jänner 1923, als der Gemeinderat die Einführung einer zweckgebundenen Wohnbausteuer beschloss, die vor allem die teuersten 0,5 Prozent der Wiener Wohnungen betraf. Dadurch sowie durch diverse Luxussteuern floss binnen kurzer Zeit so viel Geld in die Stadtkasse, dass die Kommune bald zur größten Grundeigentümerin Wiens aufsteigen konnte. Am 21. September 1923 verabschiedete der Gemeinderat dann das erste Wohnbauprogramm, das die Errichtung von 25.000 neuen Wohnungen bis 1928 vorsah - und schon 1926 verwirklicht war.

Erlaubte die Bauordnung vor 1919 einen Verbauungsgrad von bis zu 85 Prozent einer Parzelle, so wurde dieser Wert von der sozialdemokratischen Stadtverwaltung zunächst auf 60 Prozent reduziert, um die Besonnung aller Wohnungen sowie ausreichend Freiraum zu gewährleisten. Später sank der Bebauungsgrad bis auf 24 Prozent - etwa im George-Washington-Hof in Wien-Favoriten, mit mehr als 1000 Wohnungen einer der sogenannten "Superblocks".

Diese Form der geschlossenen, gegliederten Randbebauung fasste mehrerer gründerzeitlicher Baublöcke zu großzügigen, begrünten Innenhöfen zusammen und bedeutete einen neuartigen, international beachteten städtebaulichen Typus, der für das Rote Wien charakteristisch wurde.

Geradezu revolutionär für diese Zeit war auch die hohe Ausstattungsqualität der Gemeindebauten: Jede Wohnung hatte ein Vorzimmer, Toilette, Wasser- und Gasanschluss (allerdings kein Badezimmer) sowie meist auch Balkon, Loggia oder Erker. An Gemeinschaftseinrichtungen fanden sich in den Anlagen Badehäuser, Waschküchen, Kindergärten und Spielplätze - sowie in größeren Höfen Gesundheits- und Sozialdienststellen, Büchereien, Postämter, Geschäfte und Gaststätten. Dennoch waren die Mieten für alle erschwinglich: Eine durchschnittliche Gemeindewohnung kostete lediglich vier bis acht Prozent eines Arbeitermonatslohns. Die Mieteinnahmen sollten der Stadt auch keine Geldrückflüsse bescheren, sondern lediglich die laufenden Instandhaltungskosten decken.

Die sozialdemokratischen Reformer strebten neben besseren Wohnverhältnissen für die breite Bevölkerung auch ein umfassendes Gesundheits-, Bildungs- und Fürsorgesystem an und rundeten ihr Wohnbauprogramm durch eine Vielzahl ergänzender Einrichtungen ab: Schulen und Volkshochschulen, Kulturbauten und Sportstätten - und nicht zuletzt zahlreiche Hallen- und Freibäder, die den Stellenwert der Hygiene in der damaligen Gesellschaft dokumentieren.

Größtes Bad Europas


Die Ikone unter den Badehäusern des Roten Wien ist zweifellos das repräsentative Amalienbad (1923 bis 1926), mit einem Fassungsvermögen von 1300 Personen das damals größte Hallenbad Europas. Das Glasdach der Schwimmhalle konnte schon damals im Sommer geöffnet werden, neben dem großen Becken gab und gibt es Saunen, Wannenbäder, diverse Kureinrichtungen sowie Dachterrassen für Sonnenbäder.

Nach nur elf Jahren fand das Wohnbauprogramm des Roten Wien ein abruptes Ende. Das mehrheitlich konservative, bald reaktionäre Österreich konnte sich mit seiner tiefroten Hauptstadt zu keiner Zeit anfreunden - und auch die monumentalen, nach innen orientierten Wohnhöfe galten dem Bürgertum als stete Provokation.

Ende der "roten Festungen"


"Angesichts der Türme mit ihren riesigen Fahnenstangen, der gewaltigen Tore und der angeblich strategischen Position in der Stadt versäumte es die politische Rechte nicht, von ,roten Festungen‘ zu sprechen", schrieb Josef Schneider 1934 in "Der Fall der roten Festung". "Die konservativen Gegner deuteten Balustraden als Gewehrstände, Balkons als Wehrgänge und die hervorspringenden Winkel als Geschützbastionen." Tatsächlich wurden die Superblocks des Roten Wien zu Rückzugsgebieten jener letztlich unterlegenen Arbeiter, die sich in den Bürgerkriegstagen des 12. bis 15. Februar 1934 gegen das diktatorische Dollfuß-Regime stellten.