Rotes "Schlachtschiff" im bürgerlichen Döbling: Karl-Marx-Hof. - © Seiß
Rotes "Schlachtschiff" im bürgerlichen Döbling: Karl-Marx-Hof. - © Seiß

Wien. Die Gemeindebauten der Zwischenkriegszeit dienten neben sozialpolitischen Zielen unbestreitbar auch der Manifestation der Arbeiterbewegung im Stadtbild. Mit ihrer reichhaltigen Gestaltung sollten sie in Konkurrenz zum baulichen Erbe der Monarchie beziehungsweise der Bourgeoisie treten.

Die "Ikone" des Roten Wien schlechthin ist der 1,2 Kilometer lange Karl-Marx-Hof (1926 bis 1930), der wie ein Schlachtschiff in den bürgerlichen 19. Bezirk gesetzt worden war - und, ebenso wie der Rabenhof im 3. Bezirk (1925 bis 1929), sogar auf einer Briefmarke gewürdigt wurde.

Die Bebauung entlang des Margaretner und Gaudenzdorfer Gürtels bildet das wohl repräsentativste Ensemble des Roten Wien, das - als Gegenstück zum städtebaulichen Aushängeschild der Kaiserzeit - voll Stolz "Ringstraße des Proletariats" genannt wurde.

Alle Bauphasen am Gürtel


Hier lässt sich die Entwicklung des sozialdemokratischen Wohnbaus hervorragend ablesen, da nahezu alle Bauphasen an einem Ort vertreten sind: vom Metzleinstaler Hof (1919 bis 1924) mit noch gründerzeitlichem Fassadendekor, über den palastartig wirkenden Reumannhof (1924 bis 1926) - den ersten der sogenannten Superblocks - bis hin zum bereits sachlich-nüchterneren Franz-Domes-Hof (1928 bis 1930) von Architekt Peter Behrens.

Der Reumannhof, benannt nach dem ersten sozialdemokratischen Bürgermeister der Stadt, gilt als idealtypisch für das Rote Wien: Die streng symmetrische Anlage erinnert an ein barockes Schloss und wird von einem 40 Meter hohen Mitteltrakt dominiert, der ursprünglich als erstes Hochhaus Wiens konzipiert war.

Wie bei den meisten Gemeindebauten verschmelzen auch hier Elemente der feudalen und bürgerlichen Architektur wie Arkaden und Erker mit Merkmalen des Neuen Bauens wie Flachdächern und Eckfenstern - und ergeben mit den reich gegliederten, verputzten Fassaden einen recht eigenständigen expressionistischen Stil. Schließlich wurden die Wohnblöcke und Grünflächen noch mit Bauplastiken, Freifiguren und Brunnen ausgestaltet, um die Arbeiterschicht mit bildender Kunst vertraut zu machen.

Es gab aber auch Kritik am formalen Aufwand im kommunalen Wohnbau, zumal hinter den opulenten Fassaden bis 1927 nur bescheidene Kleinwohnungen zwischen 38 und 48 Quadratmeter Fläche entstanden.

Werkbundsiedlung als Bruch


In den späten 1920er Jahren wurden die Wohnungsgrößen dann auf 40 bis 57 Quadratmeter ausgedehnt - und Monumentalität und Pathos ließen insbesondere bei Bauten von Architekten wie Josef Frank, die stärker an der internationalen Moderne orientiert waren, spürbar nach.

Manche wagten gar den Bruch mit dem sozialdemokratischen Dogma des mehrgeschoßigen Wohnbaus zu Gunsten von Einfamilienhäusern mit Garten: ob Adolf Loos als kurzzeitiger Leiter des Wiener Siedlungsamtes - ob die 31 Architekten der experimentellen Werkbundsiedlung (1929 bis 1932).