Wien. (seiß) Das Engagement der Architektenschaft, zur Verbesserung der elendigen Wohnsituation in Wien um 1900 beizutragen, hielt sich in engen Grenzen. Während die meisten Baukünstler über Jahrzehnte mit dem prunkvollen historistischen Ausbau der Innenstadt oder der ebenso rasanten wie spekulativen Stadterweiterung in den Gründerzeitvierteln beschäftigt waren, vegetierten 300.000 Menschen ohne Wohnung dahin. Sie hausten in Kellern oder im Tunnel des überplatteten Wienflusses. Und jene, die sich - oft nur dank der Einnahmen von Bettgehern, also tagsüber zum Schlafen aufgenommenen Fremden - eine Wohnung leisten konnten, lebten in den heute überwiegend charmanten Zinshäusern unter damals unvorstellbaren Bedingungen.

"Wien-Vater" Otto Wagner


Wiens bedeutendster Architekt und Stadtplaner des Fin de siècle, der großbürgerlich sozialisierte Otto Wagner (1841 bis 1918), leistete zwar epochale Beiträge zur städtebaulichen und infrastrukturellen Modernisierung Wiens. Aber auch seine Lösungen für den Massenwohnbau gingen über gestalterische Neuerungen indes nicht hinaus. Doch stand er mit seiner jahrzehntelangen Lehrtätigkeit Pate für eine ganze Architektengeneration, die nach dem Ersten Weltkrieg unter gänzlich anderen politischen Bedingungen das geradezu revolutionäre Wohnbauprogramm der sozialdemokratisch regierten Stadt prägen sollte. Knapp zwei Dutzend seiner Schüler, viele davon in Diensten des Stadtbauamts, sorgten dafür, dass den hunderten von Gemeindebauten - entworfen von rund 200 Architekten des Roten Wien und verstreut über die ganze Stadt - trotz ihrer großen Formenvielfalt eine augenfällige Einheitlichkeit zu eigen sind.

So zeugen die gemäßigt moderne Architektur sowie die städtebaulichen Konzeptionen der von 1923 bis 1934 entstandenen Wohnanlagen von Wagners Maxime, trotz der Hinwendung zu neuen Formen nicht auf die repräsentative, ja monumentale Wirkung der überlieferten Baukunst - etwa auf Axialität und Symmetrie - zu verzichten. Denn schließlich sollten die Gemeindebauten nicht nur die Lebensbedingungen ihrer Bewohner verbessern, sondern als Arbeiterpaläste auch das Selbstbewusstsein des Proletariats heben.

Victor Adler, der Begründer von Österreichs Sozialdemokratischer Arbeiterpartei, sprach denn auch bei der Eröffnung eines frühen Wohnbaus von Wagner-Schüler Hubert Gessner von einem "Recht auf Schönheit", das der Architekt für die hier wohnenden Arbeiterfamilien realisiert habe.

Auch ein Recht auf genügend Grünraum schien dem kommunalen Wohnbau jener Zeit als Maxime zu gelten. So war und ist das Herzstück der sich oft nach außen hin abschottenden Gemeindebauten der großzügige grüne Innenbereich.

Öffentliche Zugänglichkeit


Den Vorwurf der politischen Gegner, das Rathaus errichte mit seinen Gemeindebauten sozialistische Trutzburgen, war allein deshalb nie haltbar, weil all diese Höfe öffentlich zugänglich waren - um die Neuheit dieses humanen Städtebautypus für alle Bürger, auch jene aus den umliegenden Gründerzeitvierteln, erlebbar zu machen.