Arzt Wögerbauer mit den Flüchtlingen in der Votivkirche. - © privat
Arzt Wögerbauer mit den Flüchtlingen in der Votivkirche. - © privat

Wien. Seit 23. Jänner essen sie wieder. Davor wurde 36 Tage lang gehungert. Und der Streik wird weitergehen. Mit gestern, Dienstag, überlegen die Asylwerbenden, wann sie den Hungerstreik wieder aufnehmen werden. Denn aufgegeben werde auf keinen Fall.

Bei einer Diskussionsrunde am Mittwochabend im WUK werden die "Perspektiven der Flüchtlingsproteste" debattiert. Teilnehmen werden neben einer Vertreterin der Aktivisten auch Manfred Nowak vom Institut für Politikwissenschaften. "Oft reagiert die Politik auf den Druck der Straße", meint er dazu. Ob die Besetzung für die Asylanten erfolgreich ausgeht, könne man nicht sagen. Auf jeden Fall hätten Flüchtlinge in Wien noch nie selbst zu solchen Maßnahmen gegriffen. "Wenn Österreich in Zukunft innerhalb der EU eine flüchtlingsfreundlichere Politik vertritt, ist das schon positiv. Und das würde ich nicht ausschließen", so Nowak.

Ministerin Johanna Mikl-Leitner wiederholte indes am Dienstag ihr Angebot: Rückübernahme in die Grundversorgung, Quartiere der Caritas beziehen und individuelle Perspektiven-Beratung.

Einen Einblick in die Votivkirche hat der österreichische Arzt und mittlerweile Vertraute der Flüchtlinge Hans Wögerbauer, der seit vier Wochen täglich dort ist. Anfangs wurde er von der Caritas gebeten, auf die Gesundheit der Menschen dort zu achten. Heute weiß er viel über sie und schildert die Situation.

"Wiener Zeitung": Wie geht es den Menschen dort heute?

Hans Wögerbauer: Ich erlebe sie als sehr friedfertige gute und mutige Menschen, die auf Schwachstellen in unserem Asylwesen aufmerksam machen. Menschen, die schon seit Jahren bei uns sind.

Wie geht es ihnen gesundheitlich?

Am 23. Jänner wurde der Hungerstreik unterbrochen, bis dahin waren sie in einem schlimmen Zustand. Sie haben viel abgenommen und waren körperlich und mental enorm geschwächt. Aber sie warten auf eine Reaktion.

Als Arzt müssten Sie ja eigentlich alles tun, damit sie den Hungerstreik nicht wieder aufnehmen.

Natürlich. Das ist überhaupt nicht zu begrüßen. Ich werde weiter versuchen, das Vertrauen zu gewinnen, und mich dafür einsetzen, dass der Hungerstreik nicht fortgesetzt wird. Das ist aber eine sehr selbständige Gruppe, die ihn leider fortsetzen wird. Man kann nur schauen, dass das zu einem guten Ende führt. Das sind Menschen, die 14 Monate nichts von ihrem Verfahren hören, nicht arbeiten dürfen und in einsame Dörfer geschickt werden.

Was bedeutet Hungerstreik in diesem Fall?

Dass sie nur Suppen zu sich nehmen. Sie haben also immer ausreichend Flüssigkeit.

Wie lange hält man das aus?

Das ist schwer zu sagen. Man befindet sich in einem körperlichen Schwächezustand, bekommt schnell einmal eine Erkältung oder Lungenentzündung.

Kardinal Christoph Schönborn kritisierte die Aktivisten in der Kirche. Menschen, die die Flüchtlinge angeblich aufstacheln.

Die waren am Anfang sehr aktiv, jetzt sind sie es aber nicht mehr. Die Gruppe agiert selbständig. Es gibt viele gute Supporter, die ihre Wäsche waschen oder sie zum Duschen mitnehmen.

Was müsste jetzt passieren?

Die Regierung müsste "Ja" sagen zu Verbesserungen des Asylwesens. Wir brauchen Veränderungen, vor allem in Bezug auf Dolmetscher im Asylverfahren. Die Menschen müssen ihre Fluchtgeschichten erzählen können, damit wir sie verstehen.