Am weitesten entfernt ist die Heimat der Familie Kaya, wie sie anonymisiert im Forschungsbericht genannt wird. In ihrem Wohnzimmer ist die Türkei und hier vor allem die Heimatstadt Imasos omnipräsent. An den Wänden hängen unter anderem Kalligrafien, Gebetsketten und eine türkische Fahne aus Stuck. Während des Interviews läuft ein Fernsehprogramm, das praktisch nur Straßenszenen aus Imasos umfasst oder türkische Hochzeiten in der Diaspora. Die Elterngeneration, die als Gastarbeiter nach Wien gekommen ist, sieht in der alten Heimat noch immer ein Idealbild. Deren Kindern ist bereits bewusst, dass sie in der Türkei praktisch nur noch Touristen sind, aber auch als Österreicher fühlen sie sich nicht. "Mein Eindruck war, wenn man die Menschen individuell befragt, kommt das ethnische Element nicht sehr stark hervor. Eher in Konfliktsituationen", resümiert Permoser ihre Besuche in den Gemeindebau-Wohnungen.

Sie standen zwar nicht im Mittelpunkt der Forschung, aber die Konflikte im Gemeindebau waren als Thema bei den Gesprächen nur schwer zu vermeiden. Dabei kamen auch die in den Medien eher selten befragten Einwanderer zu Wort. "Unsere Erfahrung war, dass Menschen mit Migrationshintergrund versuchen, dieses Thema zu vermeiden und sagen: ,Wir haben keine Probleme‘, und sie wollen sich auch nicht als Auslöser von Problemen sehen", berichtet Permoser, die selbst einige der Interviews geführt hat. "Es gab bei einigen Erfahrungen mit Ausländerfeindlichkeit, vor allem bei den türkischen Familien." Die häufigste Aussage, die den Forschern begegnete, war allerdings: "Es gibt Konflikte, aber nicht mit mir!"

Kommunikation der Parteien dringt in Alltag


Diese Wahrnehmung ohne eigene Erfahrung sei sowohl für Bewohner mit als auch solche ohne Migrationshintergrund typisch gewesen, so die Politikwissenschafterin. "Dort, wo Konflikte tatsächlich auftauchen, werden sie einerseits einer bestimmten Herkunft zugeschrieben und andererseits gerne von den Medien aufgegriffen", weiß Studienleiterin Sieglinde Rosenberger. Sozialer Wandel werde als ethnischer Wandel gedeutet. Für Rosenberger zeigt das, wie die politische Kommunikation der Parteien bis in den Alltag durchdringe. Eine Rolle spielen hier eigentlich nur die SPÖ und die FPÖ: "Während die FPÖ versucht, ethnische Zugehörigkeit zu politisieren, versucht die SPÖ das Ganze in eine entpolitisierte Frage des Zusammenlebens und der Regeln umzudeuten." Wie bei den Interviews immer wieder festgestellt wurde, werden diese Zugänge im Alltag dann auch gerne vermischt, wenn es sinngemäß heißt: "Die Ausländer halten sich nicht an die Regeln, sie gehören nicht dazu."

Und wie könnte nun ein Exit-Szenario aus diesem Wechselspiel aus Politik und Alltagserfahrung aussehen? "Diese Vielfalt, die wir in den Gemeindebauten gesehen haben, auch abgesehen vom Migrationshintergrund, müsste politisch mehr anerkannt werden. Auch in den Medien kommt das nicht an", findet Permoser. "In einer Wettbewerbssituation wie einem Wahlkampf gibt es natürlich ein Interesse an einem Konflikt", meint dazu Rosenberger. "Gleichzeitig sehen wir auch große Zufriedenheit in den Gemeindebauten. Aber so lange Konflikte überbewertet und ethnisiert werden, und da geradezu ein Bedarf besteht, sehe ich hier keinen Ausweg." Allenfalls sei abzuwarten, wohin die Strategie der Zugehörigkeit durch Regel-Einhaltung führe, die die SPÖ propagiert. Verschoben habe sich auch die FPÖ-Kommunikation in Richtung der Eingebürgerten, die nun teilweise als "gute Ausländer" gelten. Ein vorläufiges Fazit der Forscherin: "Da könnte sich noch einiges bewegen, wir können neugierig sein, wie es weitergeht."