"Bei uns gibt es noch eine Gemeinschaft" , heißt es am Stammtisch im "Vorstadtbeisl zum Selitsch". - © Jenis
"Bei uns gibt es noch eine Gemeinschaft" , heißt es am Stammtisch im "Vorstadtbeisl zum Selitsch". - © Jenis

Wien. Die Donaustadt wächst derzeit wie kein anderer Bezirk. In den kommenden 20 Jahren wird ihre Einwohnerzahl auf die Größe von St. Pölten und Eisenstadt zusammen anwachsen. Mehr als ein Drittel des gesamten Wiener Wachstums findet im flächenmäßig größten Bezirk Wiens statt. 1951 lebten hier noch etwa 50.000 Personen, 2011 waren es knapp 160.000, 2030 werden es 225.000 sein. Mit großen Schritten transformiert sich die ehemals landwirtschaftlich geprägte Donaustadt in einen urbanen Raum, wo Äcker und Felder Wohnhäusern und Büros weichen und wo viele Zuwanderer dem Stadtteil ein neues Gesicht geben werden. Doch wie stehen die Alteingesessenen zu den rasanten Entwicklungen? Die "Wiener Zeitung" hat sich umgehört:

Es ist Mittagszeit. Das "Vorstadtbeisl zum Selitsch" nahe dem Stadlauer Bahnhof ist gut besucht. Am Stammtisch leeren vier ältere Herren lautstark ein paar Achtel Wein, an der Bar genehmigen sich Herr und Frau Ziegler ein kleines Bier. Die beiden kommen ursprünglich aus dem achten Bezirk, 1984 zogen sie in die Donaustadt in ein Haus mit acht Wohnungen und viel Grün vor der Haustür. Bei ihnen im Haus gebe es noch eine Gemeinschaft, sagt Frau Ziegler, "zu Silvester stehen alle Wohnungstüren offen und jeder besucht jeden". So eine Gemeinschaft sei für sie in den neuen Wohnhäusern mit den vielen Hausparteien unvorstellbar. "Man sollte nicht höher als drei Stockwerke bauen", meint sie, da die Anonymität mit der Anzahl der Menschen steigen würde. Und für Ziegler sind "anonyme Leute arme Leute".

Diese Wohnbauten sind für die alteingesessenen Donaustädter eher "Klötze", denen Grünflächen zum Opfer gefallen sind. - © Jenis
Diese Wohnbauten sind für die alteingesessenen Donaustädter eher "Klötze", denen Grünflächen zum Opfer gefallen sind. - © Jenis

Wenn Herr Ziegler von den neuen Wohnhäusern spricht, dann verwendet er das Wort "Klötze". Er bedauert, die Verdrängung der "Kleinen", die Bäcker und Greißler würden nach der Reihe zusperren, da sie der Konkurrenz mit den Supermärkten, die an jeder Ecke zu finden seien, nicht mehr standhalten könnten. "Stattdessen wächst eine Spielhölle nach der anderen."

Durch den Wegfall der Nahversorger sinkt auch die Anzahl der Fußgänger, immer mehr Leute würden mit dem Auto fahren. Der Bauwut der Stadt würden zudem immer mehr Grünflächen zum Opfer fallen. Den Ausblick ins Grüne von seiner Wohnung sieht er in Gefahr. "Wahrscheinlich werden sie auch noch die Lobau zubauen", meint er. Trotzdem: Herr und Frau Ziegler würden nie aus der Donaustadt wegziehen oder gar nach Cisdanubien, in die Kernstadt, zurückkehren.

Die vier Herren vom Stammtisch im Vorstadtbeisl fühlen sich von der Stadt und den Bauträgern übergangen. "Das Positive muss man mit der Lupe suchen", sagt einer der Männer. Leute, die früher hierher zogen, haben die Idylle gesucht - und gefunden, den Acker vor der Haustür, "mit Reh und Ruhe ist es jetzt aber vorbei", sagt einer der Herren.

Häme und Hänseleien aus Cisdanubien


Das Vorstadtbeisl zum Selitsch sei für die vier Männer eine Insel der Seligen. Das Gasthaus eröffnete im Jahr 1898. Es ist eines der Letzten seiner Art. Der Wirt ist Stadlauer Urgestein. "Früher bin ich immer von Bewohnern aus Cisdanubien gehänselt worden: Du wohnst ja in Transdanubien, da fährt der 16er rüber, der entgleist dort immer", erzählt er.

Früher gab es im Grätzel 18 Gasthäuser wie das Vorstadtbeisl zum Selitsch, erinnert sich der Lokalbesitzer. Heute gebe es mit ihm noch zwei Wirtshäuser. Ein Grund für das Wegsterben der Traditionsbeisln sei für ihn das Ausbleiben junger Gäste. Sie würden lieber über der Donau fortgehen. "Am Abend an Wochenenden ist kein Mensch auf der Straße", sagt der Wirt.

Die Donaustadt ist vom Durchschnittsalter seiner Bürger der jüngste Bezirk von Wien. Doch zu wenig werde für die Jugendlichen getan, heißt es unisono im Selitsch. Es gibt etwa nur ein Kino im Bezirk und keine einzige Konzerthalle. Diese Fakten kennt auch der SPÖ-Bezirksvorsteher Norbert Scheed. Für ihn wäre es längst an der Zeit, etwa einen multifunktionellen kulturellen Raum anzubieten. Aus dem Büro des Kultur-Stadtrates heißt es allerdings, nach Anfrage der "Wiener Zeitung", dass für solche Projekte kein Geld vorhanden sei. Kleine Kulturinitiativen würden aber weiterhin gefördert werden.

Wie wirkt sich das Fehlen von struktureller Vielfalt im Kulturbereich auf die Jugendlichen im Bezirk aus? Mona E., die einen Großteil ihrer Jugend in der Donaustadt verbrachte, sieht darin kein Problem: "Wir sind zur Donau gegangen und haben auf irgendeinem Steg unsere Partys gefeiert. Da weit und breit niemand war, konnte man auch sehr laut sein." Rainer Abraham, der im Jugendzentrum Hirschstetten arbeitet, ergänzt: "In vielen Einfamilienhäusern finden Partys statt, es gibt auch immer wieder Clubbings in leer stehenden Hallen." Die Jugendlichen in Hirschstetten, ein Ort der von einer Plattenbausiedlung aus den 1960er Jahren dominiert wird, beschränken sich meist auf das Donauzentrum und das Jugendzentrum.

Fremdes Land auf der anderen Seite der Donau


An Freitag- und Samstagabenden verbringen viele junge Hirschstettener ihre Zeit im Jugendzentrum. Teilweise gehen bis zu 120 Jugendliche im Jugendzentrum fort, sagt Jugendbetreuerin Melanie Lengauer. "Wir haben hier alles, was wir brauchen", schaltet sich ein 16-Jähriger in das Gespräch ein. Es gibt etwa ein Tonstudio, einen Proberaum und die Auftrittsmöglichkeit in der hauseigenen Disco, wenn man Musik machen will. In der Umgebung sind der Hirschstettner Badeteich und die dem Jugendzentrum vorgelagerte Spiel- und Sportzone "Actin Park" sehr beliebt. Vielen Jugendlichen gefalle der dörfliche Charakter ihres Stadtteils, dass noch nicht alles zugebaut sei und es noch Felder gebe in ihrem Grätzel. Veränderungen stehen die Jugendlichen sehr skeptisch gegenüber, behauptet Lengauer.