Der Gefahr ins Auge sehen: Als Wrestler muss man einstecken können. - © WSA
Der Gefahr ins Auge sehen: Als Wrestler muss man einstecken können. - © WSA

Wien. In einer Trainingshalle im zweiten Bezirk stellen sich regelmäßig Männer und Frauen in den Ring, um einer scheinbar längst toten Sportart nachzugehen: dem Wrestling. Dabei war das Gelände des Eislaufvereins am Wiener Heumarkt jahrzehntelang bis 1998 gleichermaßen Synonym und Mekka des professionellen "Freistilringens". Später fieberten hierzulande Zuschauer nächtelang im Sportfernsehen beim "Wrestling" mit. Seither hat der Sport in unseren Breitengraden allerdings wieder an öffentlicher Anerkennung verloren.

"Humungus", der mit bürgerlichem Namen Gerhard Hradil heißt und seinen Spitznamen unter anderem einem Film-Bösewicht verdankt, lässt sich davon aber nicht entmutigen. Gemeinsam unter anderem mit Kompagnon "Romeo" hat der gelernte Chemiker 1998 in Wien die erste Österreichische Wrestlingschule gegründet. "Der Heumarkt war ja über Jahrzehnte eine Institution in dem Bereich. Wir wollten das wieder beleben, allerdings mehr Richtung American-Wrestling", erzählt der bullige, tätowierte Sportler.

Tatsächlich war das Ringen am Heumarkt seinerzeit legendär. Publikumsliebling Georg "Schurli" Blemenschütz errang buchstäblich bis in vorgerücktes Alter von rund 70 Lenzen Jahr für Jahr am Eislaufverein den Titel "Weltmeister". Höhepunkt des Catchens war jeden Dienstag am "Damentag" (da hatten weibliche Besucher freien Eintritt) das "Teammatch". Ein Duo populärer Bösewichte wie etwa "Martinson" und sein angeblich französischer Partner holten sich gleich im Duett von den Guten, wie Blemenschütz und Michael Nador die berühmten "Ohrenreiberl". Eine schmerzhafte Prozedur, wo der eingeklemmte Kopf des am Boden liegenden Gegners mit den Wadeln ordentlich "massiert" wurde.

Nicht nur das männliche Publikum stand dabei kopf. Hunderte Damen verloren reihenweise ihre Façon: "Schurli, sauf eahm a Aug’ aus, des andere lass’ eahm zum Weinen", war nur einer der wenig damenhaften Zurufe der Begeisterung. "Reiß eahm die Brust auf und scheiß eahm ins Herz", zitierte das deutsche Intellektuellen-Blatt "Der Spiegel" einst in einer Reportage. Bis heute gibt es daher noch in Wien bei schlechtem Benehmen das geflügelte Wort als Ermahnung: "Wir sind nicht am Heumarkt!"

Blemenschütz verstarb 1990 und hat in Wien ein Ehrengrab. Später versuchte "Big Otto" Wanz, der Weltmeister im TelefonbuchZerreißen, mit seiner Truppe in Blemenschütz’ Fußstapfen zu treten. Aber die Zeit des Freistilringens am Heumarkt war 1998 endgültig vorbei.

"Humungus" und "Romeo" wollen nun in neuer Weise wieder an die alte Wiener Traditionen anknüpfen. Im eigenen Trainingszentrum in der Hofenedergasse kommen Interessierte zusammen, um gemeinsam das sogenannte Pro-Wrestling zu trainieren. Inzwischen allerdings nur noch jeden Sonntag Nachmittag.

Einstecken und austeilen


Gelungen ist die geplante Wiederbelebung nur teilweise. In Österreich gilt Wrestling maximal als Randsportart, anerkannt ist es offiziell gar nicht. "Es gibt viele Missverständnisse, zum Beispiel, dass ohnehin alles ausgemacht ist", sagt Humungus. "Das Showelement ist natürlich ein großer Faktor, aber alles, was im Ring passiert, muss hart trainiert werden." In den bisher 15 Jahren sind rund 200 Absolventen durch das schweißtreibende Training der Wrestling School Austria gegangen. Körperliche Fitness ist dabei das Um und Auf, darauf trimmt der Trainer seine Schützlinge: "100 Liegestütze sollte man schon schaffen", schmunzelt er. Und man sollte einstecken können: "Ich kenne keinen Wrestler, der nach einem Kampf keine Schmerzen hat."

Für Humungus ist Wrestling ein gutes körperliches Allgemeintraining. Man könne damit Stress abbauen, sich selbst besser verteidigen, Menschen unterhalten - "und Geld verdienen, auch wenn man in Österreich davon nicht leben kann", sagt der 49-Jährige. Zwar sind die Zuschauerzahlen auch international rückläufig, aber vor allem etwa in Asien gibt es nach wie vor einen großen Markt. "Demnächst gehe ich mit einem meiner Schüler auf Japan-Tournee", erzählt Humungus. "In Asien habe ich auch schon vor 80.000 Zuschauern gekämpft, in Wien kommen leider meistens nur 100 bis 150", seufzt er.

Mehr Bauarbeiter als Banker


Seinen Schülern gibt er, den das Fieber selbst als Jugendlicher gepackt hat, vor allem eines mit auf den Weg: "Um ein guter Wrestler zu werden, muss man zuerst einmal Ausstrahlung haben, aus der Menge heraus stechen. Die technischen Fähigkeiten kann man erlernen."

Wie lange es zum fertig ausgebildeten Wrestler dauert, kommt auf den Einzelnen an. Die Ausbildungszeit ist ebenso individuell wie die Männer und Frauen, die den Sport erlernen möchten: "Wir hatten wirklich schon alles dabei: Bauarbeiter, Banker, Studenten, Pensionisten...Der Älteste, den ich je trainiert habe, war 70 Jahre alt", sagt der Profi. "Wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass es tendenziell mehr Bauarbeiter als Banker waren." Während bei Männern die Berührungsängste kleiner zu sein scheinen, versucht die Wrestling-Schule insbesondere auch Frauen für den Nahkampfsport zu begeistern. Etwa indem sie gratis am Training teilnehmen dürfen.