Wien. Auf der Leinwand bemalt eine Männergruppe Keramik, im Zuschauerraum wird gestrickt. Der erste Wiener Strickverein hat zum Strickfilm geladen. Am Programm der Breitenseer Lichtspiele steht die österreichische Produktion "Zweisitzrakete". Rund 50 Damen und wenige Herren sind der Einladung zum außergewöhnlichen Kinoerlebnis gefolgt. Acht Euro fünzig hat jeder von ihnen dafür gezahlt. Während auf der Leinwand Manuel Rubey (Manuel) um die Liebe von Alissa Jung (Mia) buhlt, klackert das Publikum mit seinen Stricknadeln.

Kino-Betreiberin Anna Nitsch-Fitz hat die Tore der traditionsreichen Breitenseer Lichtspiele sofort geöffnet, als sie die Anfrage bekam. "Wir sind für sowas immer zu haben", sagt sie. "Der Verleih hat uns den Film zur Verfügung gestellt, wir haben einen Termin gefunden, ich find's super", freut sie sich über die Gruppe von Strickbegeisterten in ihrem Kinosaal.

Die richten ihre Blicke abwechselnd auf die Leinwand und auf ihre gerade entstehenden Hauben, Schals und Socken. Dass das Licht während der Vorstellung ausnahmsweise an bleibt, stört hier niemanden – im Gegenteil. Rundherum klackern die Stricknadeln. Wenn es vorne spannend wird, nimmt das Klackern ab, wenn weniger passiert, schlagen die Nadeln umso schneller zusammen. Hier und da wird gelacht und getratscht. Niemand geht genervt dazwischen und brüllt "Ruhe!", wie man es aus üblichen Kinovorführungen kennt.

Nur "Muttis" stricken? Von wegen!

Simon Schwarz, der in "Zweisitzrakete" eine Selbsthilfegruppe für Männer leitet und Rubey als bester Freund zur Seite steht, bietet den Strickfans sogar ein wenig zusätzliche Motivation – was allerdings kein Kriterium für die Auswahl des Films gewesen sein dürfte. Einen großen Teil des Films über trägt er nämlich einen Strickpullover. Die meisten Kleidungsstücke, die die Damen und Herren herstellen, sind allerdings etwas farbenfroher als Schwarz' schafwollweißes Modell à la "hat Mutti gestrickt".

Apropos "Muttis": Wer glaubt, Stricken wäre ausschließlich etwas für Ältere, irrt. Die meisten, die dem Aufruf des Strickvereins gefolgt sind, sind um die 30 oder jünger. Und der Großteil von ihnen hat sich bewusst für einfache Strickereien entschieden: Schals, Socken, Hauben... "Bei komplizierteren Sachen würde ich ja gar nichts von der Handlung mitbekommen", lacht eine Besucherin. Manche stricken auch gar nicht. Sie sind einfach nur gekommen, weil sie die Idee eines Strickfilms spannend fanden. Andere wiederum sind nur wegen des Strick-Gruppen-Gefühls in die Breitenseer Straße gereist.

Susanne Kristek, die den ersten Wiener Strickverein ins Leben gerufen hat, arbeitet während der Vorstellung selbst fleißig an einer Haube. Ihr war die Idee eines offiziellen Strickfilms gekommen, weil sie im Kino Nadeln und Wollknäuel vermisst hat. Und da heutzutage eine Facebook-Gruppe oft die schnellste Art der Verbreitung ist, wurde eine solche mit dem Titel "Erstes Strickfilm Special: Das Licht bleibt an. Wir stricken weiter." ins Leben gerufen. Außerdem haben stricksüchtige Fans des Strickvereins wie Nunu Kaller eifrig Mundpropaganda betrieben. Kaller versucht sich während "Zweisitzrakete" an einem Pulloverärmel und hat sichtlich Spaß daran.

Das Event-Kino von morgen?
Nach eineinhalb Stunden hat Rubey eine Rakete aus dem Technischen Museum entwendet, um seine Herzdame endlich beeindrucken und in den Armen halten zu können. Das gedimmte Licht geht an und jeder packt gemütlich Wolle und Werkzeug weg. Alle wirken glücklich und zufrieden. Auch Nitsch-Fitz ist begeistert und kündigt sogleich eine Fortsetzung an.

Strickfans sind äußerst tolerant, wenn jemand nicht ihrem Hobby frönt. Und sie sind nicht allzu kritisch, was ihre eigene Leistung angeht. Die meisten haben an diesem Abend wohl weniger Maschen geschafft, als hätten sie alleine im Wohnzimmer gewerkt. Aber beim Stricken geht es nicht darum, der Beste oder Schnellste zu sein, sondern um Leidenschaft. Und um das gemeinsame Erlebnis, wenn man beobachtet, wie viele Strickklubs und -gruppen in den letzten Monaten alleine in Wien aus dem Boden geschossen sind.

Vielleicht setzen sich Kinofilme mit Dämmerlicht und Nebenbei-Aktivitäten künftig sogar durch. Immerhin kann man dabei nicht nur stricken oder schreiben, sondern auch wunderbar Keramik bemalen, Origami falten oder Fimo kneten. Oder schreiben: Auch dieser Artikel ist großteils während der Spezial-Vorstellung entstanden. Das "Kino von gestern" mit Holzsesseln und Polsterauflagen als das Event-Kino von morgen? Wer weiß...