Interviews machte Brustbauer auch in Cafés, wie etwa im Leopoldstädter Dogenhof. - © querstadt.net
Interviews machte Brustbauer auch in Cafés, wie etwa im Leopoldstädter Dogenhof. - © querstadt.net

Wien. Josef aus dem 15. Bezirk erzählt vom Verschwinden der kleinen Geschäfte. Seit 18 Jahren lebt er in einem Kleingarten auf der Schmelz: Dort, wo seine erinnerten Geschäfte waren, ist heute nichts mehr. Karin ist mit dem Leben in der Josefstadt zufrieden. So wie Judith, die immer schon in Favoriten lebt, nach einigen Jahren am Verteilerkreis seit kurzem beim Wienerberg.

"Querstadt" erzählt 46 Mal, zwei Personen pro Bezirk, vom Leben in dieser Stadt, die sich anschickt, wieder groß zu werden. Das Prinzip von Maximillian Brustbauer nennt sich Zufälligkeit. Das heißt: Seit Beginn des Drehs, der im November startete, waren es zufällige Begegnungen mit Menschen auf der Straße oder in Lokalen, die bereitwillig "ein paar Minuten" über ihren Bezirk, ihr Stadt- und Wohngefühl Auskunft gaben.

Wie etwa Karl aus der Donaustadt, der im ehemaligen "Gartenbezirk" der Stadt wirklich im kleinen Schrebergarten-Grün lebt und - wen wundert’s - zufrieden ist. Zwei Fragenkreise stellte Brustbauer jedem seiner Gesprächspartner: nach der aktuellen Zufriedenheit und nach der Relevanz von lokalen und wienweiten Sehenswürdigkeiten. Beide unterstützt mit Bildern, jedoch nicht plump, sondern mitunter mit irritierender Raffinesse. Etwa wenn Brustbauer seinen Interview-Gegenübern Bilder von der UNO-City mit unübersehbarer Lugner-Moschee zeigt. Letztere wird selten als "Sehenswürdigkeit" besprochen, die UNO-City und der Donauturm, ebenfalls im Bild, jedoch schon.

So wie alle großen Städte hat auch Wien seine tradierten Zuschreibungen städtischer Gegenden. Die Josefstadt ist ruhig, fad und schön, Favoriten ist Reumannplatz plus Tichy und Amalienbad, Simmering ist die Haide und ansonsten ein weißer Fleck, in Währing lässt es sich gut, aber teuer leben, in Neubau haben Bobos die teilnahmslos von ihren Fensterbänken blickenden Alten ersetzt. Ja, und in Transdanubien, da leben auch Menschen, mitunter Mundel’sche Unterschicht oder überhaupt nur Bauern. Ganz im Gegensatz zu Hietzing und Döbling, wo jeder einen Jahresverdienst von "mindestens" 80.000 Euro hat. Sicherlich haben Berlin, London, Rom ebensolche Zuweisungen, so eindeutig, wie in Wien die mündliche Kolportage von den eigenen Leuten weitergetragen wird, aber wohl kaum.

Gewohnheit Stadterfahrung


Regisseur Brustbauer stammt nicht aus Wien. Sondern von der Donau, dort, wo sie am schönsten ist, aus der Wachau. Es muss der Blick von außen sein, der solche Projekte voranbringt. Wie lebt es sich in dieser Stadt? Was kennt man eigentlich wirklich von Wien? Bei Brustbauer ist diese simple, aber weitreichende Frage irgendwann einmal vor zwei Jahren auf dem Nachhauseweg von einer WG-Party aufgetaucht. Warum geht man zu Fuß genau diese Gassen-Straßen-Kombination? Warum nicht anders? Wieso ist einem die Gasse links und rechts (mehr oder weniger) gleichgültig? Selbstverständlich ist solches nämlich nur auf den ersten Blick. Sieht man sich Stadtromane an, von Doderer bis jüngst Schindels "Der Kalte", ist nämlich Stadt-Erfahrung immer breiter, neugieriger, weitschweifiger. Im Alltag aber nicht. Dort läuft es anders. Da kennt man irgendwann seine Wege, seine Geschäfte, seine Werbe-Wegweiser, den schnellsten Weg zu Bus und Bim, in die Stadt oder direttissima an den grünen Rand. Mehr braucht man nicht als städtischer Dörfler. Auch nicht in Wien.