Doderer versus Spira. Wer älter ist, erinnert sich noch an Elizabeth T. Spiras Wien-Dokus aus den frühen 90er Jahren, zwischen Kaisermühlen und ehemaliger Landstraßer Markthalle. Auch hier wurde lange an einem Wien-Porträt gearbeitet, das so gänzlich anders war, als wie man es touristisch-konditioniert gewohnt war. Seltsame Typen gaben da plötzlich Auskunft über ihr Leben in der Stadt, über ihr Auskommen mit sich, dem Steffl und den Gästen, irgendwann schlich sich aber der Verdacht ein, dass nicht wenige der Interviewten ein ausgeprägtes Alkoholproblem zu haben schienen. Was zuerst groß begann, endete in einer Diskussion über "Sozialporno" und "Wiener Freakshow". Anders gesagt: zu viel Würstelstand, zu wenig aufgeräumtes Wohnzimmer.

Ab 1. Juni online


Danach war es lange still. Wien-Beschäftigungen jenseits des ORF, der mit Krimis oder "Serien wie Mitten im Achten" den Faden unterhaltend weiterstrickte, gab es kaum. Umso größer also das Interesse an "Querstadt Wien", das in Bälde, genau: am 23. Mai seine Premiere in der Gebietsbetreuung Stadterneuerung 10 feierte. Brustbauers Vorbilder heißen deswegen auch nicht Spira und ORF-Unterhaltung. Der 30-Jährige, der früher im Journalismus unterwegs war und aktuell seine Pflichtjahr als angehender Deutschlehrer im Akademischen Gymnasium, dieser Harry-Potter-Adresse gegenüber dem Eislaufverein, absolviert, nennt da lieber David Lynchs Doku "Interview project germany" über Deutschland nach 1989 als Marke. Lynch Interesse an den Einstellungen der Ossis und Wessis war damals ebenso beiläufig-intensiv, wie es Brustbauer für Wien versucht hat. Meist bei schlechtem Wetter übrigens. "Der lange Winter, die Kälte und das unfreundliche Wetter waren schon heftig für alle Beteiligten", erzählt er. Geschadet hat es dem Produkt - 46 kurze Einblicke von Wienerinnen und Wienern aus der Zeit 2012/2013 - nicht.