Wien. Es sollte sein erster und sein letzter Arbeitsplatz sein. So sieht es die Tradition vor. Wer in die Spanische Hofreitschule als Jüngling eintritt, verlässt sie als alter Mann. Das dachte sich Klaus Krzisch. 45 Jahre hat er jeden Tag in der Stallburg am Michaelerplatz mit den weißen Lipizzanerhengsten trainiert. Zuletzt war der heute 63-Jährige "Erster Oberbereiter". Er, der ehemalige Schulabbrecher, hatte es an die Spitze der Hierarchie geschafft. Er durfte die Pferde aussuchen, die sich vor den Staatshäuptern der Welt verneigen würden; er durfte bestimmen, welche schlaksigen Jugendlichen auf den Barockpferden eine gute Figur machen würden und vor allem das nötige Ethos haben, die Tradition der Reitschule fortzusetzen. Jetzt wird Krzisch pensioniert. Gegen seinen Willen. Und er wehrt sich.

Es rumort in Wiens Traditionsinstitution. Dort, wo seit mehr als 440 Jahren Präzision, Disziplin und Ordnung herrschen, wird plötzlich rebelliert. Nur noch die Bilanz stehe im Vordergrund, nicht länger die Qualität des Kulturguts "Spanische Hofreitschule", kritisieren Insider. Wurde einst an 180 Tagen im Jahr trainiert, sind es heute 300 Tage. Hat man früher 45 Vorstellungen jährlich absolviert, sind es heute 70 Auftritte. Gab es früher vier Oberbereiter, sind es heute nur noch zwei. Die Belegschaft klagt über Überlastung, sowohl von Reitern als auch von den Pferden. 2011 hat sich ein 43-jähriger Bereiter erhängt. Die Zustände in der Reitschule hätten ihn kaputtgemacht, meinten ehemalige Kollegen in Medienberichten.

"Wir haben die Türkenbelagerung und zwei Weltkriege überstanden", sagt Krzisch und schüttelt den Kopf, "und diese Geschäftsführung hat es geschafft, die Reitschule in sechs Jahren zu ruinieren." Vor vier Jahren hat ihn eben diese Geschäftsführung, Elisabeth Gürtler und Erwin Klissenbauer, vom Dienst freigestellt. Der Grund: disziplinäre Probleme. So soll der Mann mit dem braungebrannten Gesicht und den schlohweißen Haaren unter anderem Frauen, die seit 2008 als Elevinnen in der Reitschule zugelassen werden, als "g’schissene Weiber" bezeichnet haben. Krzisch bestreitet das. Er klagt. Und gewinnt. Es folgen weitere Verfahren. Krzisch klagt. Und gewinnt wieder. Nun hat sich das Landwirtschaftsministerium, dem die Spanischen Hofreitschule untersteht, der Sache angenommen. Seit Mai ist Krzisch nun pensioniert, vom Minister persönlich.

Den Prinzipien der Ausbildung treu bleiben

Die Geschäftsführung will zum Fall Krzisch keine Stellung nehmen. Aus Gürtlers Büro heißt es gegenüber der "Wiener Zeitung", dass man Personalangelegenheiten in der Öffentlichkeit nicht kommentieren werde. Bereits 2008 hat sich die Hofreitschule von einem Oberbereiter getrennt: Johann Riegler. Im Gegensatz zu seinem Kollegen Krzisch wurde er nicht suspendiert, sondern wollte gehen, wie er betont. "Ich habe immer schon gesagt, wenn die Schule nur für Touristen da ist, höre ich auf", sagt der 59-Jährige, "so wollte ich nicht weitermachen." Mit 15 Jahren ist er zur Spanischen Hofreitschule gekommen. Hier ist er aufgewachsen. Hat den Geist der jahrhundertealten Institution eingeatmet. "Wenn mir heute irgendwer sagt, dass wir die Pferde mit dem Sattel verkehrt herum reiten müssen, werde ich das sicher nicht machen", sagt Riegler. "Ich muss den Prinzipien der klassischen Ausbildung treu bleiben."

40 Jahre hat er sich diesen Prinzipien unterworfen, hat einer Welt gedient, in der die Füße in einem bestimmten Winkel an das Pferd angelegt werden mussten, die Haare noch so geschnitten wurden wie zu Kaiserzeiten und die Oberbereiter als die alten Meister galten, die man nicht ohne Weiteres beim Arbeitsmarkt aufgabeln konnte. Doch irgendwann haben sich in diese Welt die Businesspläne geschummelt. Spätestens als die Hofreitschule 2001 aus dem Bundesbudget ausgegliedert wurde. Zwar untersteht sie noch dem Landwirtschaftsministerium, die ihr mit einer jährlichen Zuchtförderung für das dazugehörende Gestüt Piber in der Steiermark unter die Arme greift, muss sich ansonsten aber selbst finanzieren.

Es herrscht ein neues Prinzip: Nach hunderten Jahren muss sich die geschützte Werkstätte plötzlich am freien Markt behaupten. Die schwarze Zahl am Ende des Jahres gibt seither den Takt vor. Und dieser ist sehr schnell. Mehr Pferde, mehr Training, mehr Auftritte - und eine proaktive Geschäftsführung. Es gibt Tipps für die Oberbereiter, welche Übungen die Pferde einstudieren sollten; man mischt sich in der Auswahl der Eleven ein und kritisiert die alten Herren, warum sie auf der Bank ihre Reiter nur beobachten würden, anstatt sich selbst zu bewegen. Dass die Pferde die Übungen mitunter schlampig vollführen würden, interessierte kaum jemanden, erzählen Beobachter. Den laienhaften Touristen würden die Schnitzer ohnehin nicht auffallen, Hauptsache sie sehen schöne weiße Pferde.

Das Kapitel Hofreitschule ist für den ehemaligen Oberbereiter Riegler abgeschlossen. Er kümmert sich um sein Dressurzentrum im Wienerwald. Seit seiner Dienstfreistellung vor fünf Jahren hat er keinen Fuß mehr in die Institution gesetzt, in der er fast sein ganzes Leben verbracht hat. "Es war immer mein Ziel der nächsten Generation weiterzugeben, was die Schule für die ganze Reiterwelt bedeutet - oder bedeutet hat", sagt er verbittert, "Mir ist es nicht gelungen."

Sein Kollege Krzisch will nicht aufgeben. Beim Verfassungsgerichtshof will er gegen seine "Zwangspensionierung" kämpfen, wie er sagt. Seinen letzten Ritt hat er noch vor sich.