Wien. Zum vierten Mal treffen junge jüdische und muslimische Menschen aus aller Welt bei der Muslim Jewish Conference (MJC) aufeinander, die am 30. Juni in Sarajevo beginnt. Der Gründer der Bewegung, der Wiener Ilja Sichrovsky, über die Beweggründe und über die weiteren Ziele der Muslim Jewish Conference.

"Wiener Zeitung": Heuer findet die bereits vierte Muslim Jewish Conference statt. Mit welcher Motivation haben sie 2009 dieses Projekt gestartet?


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Ilja Sichrovsky: Es gibt so viele Zusammenkünfte im Jahr, und wir dachten uns, diese fehlt. Wir haben nicht erwartet haben, dass daraus eine internationale Bewegung wird. Und auch den politischen Impact hätte ich so nicht erwartet, etwa die Unterstützung durch das American Jewish Committee (AJC) oder Bill Clinton.

Das Verhältnis von Muslimen und Juden wurde nicht zuletzt durch 9/11 massiv getrübt - und der israelisch-palästinensische Konflikt schwebt auch immer über dieser Beziehung. Was wollen Sie hier mit der Muslim Jewish Conference bewegen?

Ich glaube, dass es weder auf muslimischer noch auf jüdischer Seite Organisationen gibt, die wirklich neutral oder ohne Agenda auf das Thema zugehen. Die Menschen, die in diesem Bereich arbeiten, haben selten die Möglichkeit, sich mit dem muslimisch-jüdischen Verhältnis ohne strings attached auseinanderzusetzen, ohne Konsequenzen.

Die Konferenz ist so etwas wie ein safe room (sicherer Raum)?

Davon bin ich überzeugt. Wir können hier in sieben Tagen Vorurteile und Stereotypen abbauen, die andere über 30 Jahre aufgebaut haben.

Es steht also der Dialog im Mittelpunkt.

Absolut. Vor allem aber geht es darum, der next generation die Möglichkeit zu geben, abseits der Machtzentren ihre Nase in das Thema zu stecken. Zum Vorwurf, dass sich nur bereits Interessierte engagieren: das mag manchmal so sein. Aber die Vorurteile und Stereotype sind selbst bei jenen, die positiv eingestellt sind, so hoch, dass es zum Problem wird.

Wie sehen diese Vorurteile aus?

Alles, was muslimisch und religiös ist, wird sofort mit Islamismus in eine Ecke geschoben. Alles, was jüdisch ist, landet sofort in einer Ecke mit Geld. Diese Vorurteile bekommst du nicht weg, solange du keinen Menschen der jeweils anderen Gruppe mit einem Vornamen, einem Gesicht, einer Geschichte getroffen hast. Mit ein bisschen Mut und ernster Arbeit kommt man sehr schnell darauf, dass weder die einen die Medien regieren noch die anderen alles in die Luft jagen wollen.

Die erste Muslim Jewish Conference fand 2010 in Wien statt. Welche Reaktionen gab es in der jüdischen Community, der Sie auch angehören?

Von sehr ablehnenden bis zu unterstützenden Reaktionen war alles vorhanden. Manche wie Patricia Kahane von der Kahane Stiftung haben extrem positiv reagiert und unterstützen uns auch von Beginn an. Das jüdische Establishment dagegen wollte sich anfangs von der Konferenz distanzieren, wovon man nach einem Gespräch mit mir doch Abstand genommen hat. Wir haben von Beginn an wichtige Vertreter der jüdischen Welt auf uns aufmerksam machen können, wie Rabbiner David Rosen, der ein Star beim Thema Interfaith ist. Oder Andrew Baker, der in der OSZE für alles rund um Antisemitismus zuständig ist. Viele in Österreich haben gemeint, wir ignorieren die Gefahr. Aber Menschen wie Baker oder auch Clinton, die sich hier auskennen, sind der Ansicht, dass wir etwas aufgestellt haben, das funktioniert.

Wie schützen Sie sich vor Extremisten?

Das ist natürlich schwer. Es gibt aber einen Filterungsprozess.

Gab es bereits Anfragen von Leuten, mit denen Sie schließlich nicht in Kontakt treten wollten?

Ja, sicher, sowohl auf jüdischer als auch auf islamischer Seite.

Was wäre ein Ausschließungsgrund?

Wir haben nichts fest in den Boden geschrieben, denn oft verschwimmen die Linien. Wir wollen auch die dabei haben, die noch auf der anderen Seite stehen, um sie für den Dialog zu gewinnen. Es muss aber möglich sein, miteinander zu reden. Wenn jemand schon so in seinem Extremismus verhaftet ist, dass er auf einer Konferenz nur die Konfrontation sucht, dann können wir das nicht brauchen. Wir schauen, dass wir im Vorfeld möglichst viel recherchieren und arbeiten während den Konferenzen gut mit den Sicherheitsbehörden der jeweiligen Länder zusammen. Interessant ist, dass die jüdische Gemeinde in Sarajevo, unserem nächsten Tagungsort, keine Security hat.

Wie gestaltet sich in Sarajevo der Dialog zwischen Judentum und Islam?

Die jüdische Gemeinde hat es dort im Krieg durch ihren politischen Status geschafft, eine gewisse Infrastruktur zu erhalten, sie hat Apotheken geführt, sie hatte ein Telefon. Der gesamte Krisenstaff aller Religionsvertreter hat hier getagt. Die Menschen aus Sarajevo haben aufeinander geschaut. Insofern ist Sarajevo eine Modellstadt, was die Zusammenarbeit zwischen Islam und Judentum betrifft. Auch Jakob Finci, die Führungspersönlichkeit innerhalb der jüdischen Gemeinde in Sarajevo, war von der ersten Minute an unglaublich supportive (unterstützend, Anm.). Es war unglaublich, wie er das Projekt bei allen Organisationen, bei denen wir gemeinsam vorgesprochen haben, gepusht hat. Wir sind es nicht gewöhnt, dass uns eine jüdische Gemeinde derart unterstützt. Oft treten Persönlichkeiten hervor und helfen uns, aber von Organisationen - mit Ausnahme des AJC - kannten wir das bisher nicht.