Im Gänsehäufel fühlt sich niemand von ein bisschen haariger Männlichkeit bedroht. - © Luiza Puiu
Im Gänsehäufel fühlt sich niemand von ein bisschen haariger Männlichkeit bedroht. - © Luiza Puiu

Wien. Nur an ausgewählten Plätzen begegnet man ihm. Im Schlafzimmer. Auf dem Computermonitor. Vielleicht einmal in einer Galerie. Und gelegentlich auch versteinert an einem Hauseingang: dem nackten Mann. Isoliert von der Außenwelt, fristet er ein Schattendasein. Während sich die nackte Frau von Cover zu Cover rekelt, durch das Hauptabendprogramm spaziert und von Plakatwänden herunterlächelt, ist der nackte Mann unauffindbar.

Nun hat er einen Zufluchtsort in Kaisermühlen gefunden. Im Strandbad Gänsehäufel trifft man ihn neuerdings - und das nicht nur im FKK-Bereich. Zwischen Wellenbecken und Umkleidekabinen können die Besucher bis 15. September die Bilder von zwölf nackten Männern sehen. Mal durchtrainiert, mal schwabbelig, mal mit Harfe zwischen den Beinen und mal in Yogaposition. In ihrem Projekt "Sidestep" hat die Fotografin Renate Medwed ihre Kollegen, ganz normale Männer, wie sie betont, vor die Linse geholt. Es sind allesamt Fotografen, die im Brotjob Frauen schon einmal nackt abgelichtet haben. Nun werden sie in all ihrer Blöße dargestellt - und das von einer Frau.

"Wir Frauen sind als Publikum unterversorgt", erklärt Medwed die Intention ihrer Serie. Seit 2008 ist die gelernte Werbefachfrau Fotografin und hat sich auf die männliche Aktfotografie spezialisiert. Der weibliche Akt sei bereits zu Genüge abgeweidet worden. Da kannte sie die einstudierten Posen, die gespielte Verletzlichkeit, den verruchten Blick. Bei Männern sei das gänzlich anders. Ihr Posenrepertoire hält sich in Grenzen. Dutzende Männer hatte die Fotografin nackt vor der Linse. Während Frauen sich Sorgen um ihre straffen Schenkeln machen, haben Männer während des Shootings vor allen eine Befürchtung: "Was, wenn ich eine Erektion bekomme", erzählt sie, "das ist die Urangst der Männer." Passiert ist es noch nie.

45 Grad: die heilige
Grenze des besten Stückes


"Die Fotografie ist ein männerdominierter Beruf", sagt Medwed, "und Männer wollen keine nackten Männer sehen." Denn der Mann hat Angst vor seinen nackten Geschlechtsgenossen. Was, wenn es ihm gefällt? Dann halten ihn alle für schwul. Was, wenn er seiner Frau gefällt? Dann beginnt sie zu vergleichen. Und plötzlich gilt dann der Schönheitsterror auch für ihn, er, der sich bis dahin keine Sorgen um Problemzonen gemacht hat.