Wien. Manche Leute haben Angst vor Peter Treichl. Selbst seine Freunde, wenn er mit seinem Smart in ihre Einfahrt fährt. Ist er geschäftlich oder privat hier? Spätestens bei der Haustür ist es klar. Dann, wenn er sein schwarzes Päckchen in der Hand hält und seinen Satz aufsagt. "Ich habe eine Botschaft für Dich." Dann wissen sie, es ist vorbei. Treichl ist Österreichs erster Schlussmacher.

Seit drei Monaten trennt der Salzburger, was sich nicht zu trennen wagt. Die Familienmutter, die es satthat, von ihrer einstigen Jugendliebe betrogen zu werden, genauso wie den Pensionisten, dessen Frau jede Konfrontation mit einem Lächeln quittiert. "Am Anfang hat mich keiner ernst genommen, wenn ich gekommen bin. Alle haben nach der versteckten Kamera gesucht", erzählt der 46-jährige Trennungsagent. Heute kennt man Österreichs ersten Schlussmacher. 20 Paare hat er bereits getrennt. Und die Nachfrage ist groß. Diese Woche wurde er gar nach Ibiza beordert. Eine Wienerin will sich im Urlaub von ihrem Partner trennen, nachdem er drei Tage nicht nach Hause gekommen war.

Treichl kennt sich mit Liebesangelegenheiten aus. Seit 20 Jahren betreibt er eine Partnervermittlungsagentur. 1200 Kunden hat er derzeit in seinen Karteien. Nun hat er die Seiten gewechselt. Und züchtet sich mit seiner Trennungsagentur einen neuen Kundenstamm heran. Jeder Verlassene bekommt eine spezielle schwarze Geschenkbox. Neben Schokolade für die Nerven und Schampus für die neu gewonnene Freiheit gibt es auch einen 300 Euro Gutschein für seine Partnervermittlungsfirma. "Das ist ein rundes Konzept für mich", sagt er und zuckt mit den Schultern, "es ist eine Dienstleistung". Moralische Bedenken gibt es keine. Geschäft ist Geschäft.

Sein Trennungsrepertoire reicht von der "gelben Karte", einer Verwarnung, bis hin zum persönlichen Gespräch im Wohnzimmer des Verlassenen - inklusive aller "Warum"-Beantwortungen und Taschentuchbeistand. Zwischen 79 und 129 Euro verrechnet er für jede Trennung, je nach Aufwand und Anreise. In der Regel überbringt er die Nachricht frühmorgens, wenn er weiß, dass die Betreffenden knapp davor sind, das Haus zu verlassen. Denn auf dem Weg zur Arbeit hätten sie genug Zeit, die Botschaft sickern zu lassen. Keine dunklen Abendstunden. Kein melancholischer Sonnenuntergang. Keine Zeit für trübsinnige Grübeleien.

15 Sekunden. So lange hat Treichls kürzeste Trennung gedauert. Damals ist er zu einem Ehepaar jenseits der 70 nach Döbling gepilgert. Beide saßen auf der Veranda, haben in ihrer Zeitung geblättert. Seit 20 Jahren wollte sich der Mann bereits von seiner Frau trennen, sie habe jede Diskussion nur mit "Passt schon, Papa" im Keim erstickt. An diesem Morgen hatte sie keine Wahl. Rasch gab Treichl der betagten Dame sein Paket mit den Worten "Ich soll Ihnen eine Botschaft von Ihrem Mann übermitteln. Sie nehmen ihn nicht ernst. Er mag nicht mehr." Auf dem Weg zum Auto, hörte er von ihr nur noch ein pikiertes "Schatzi, wir müssen miteinander reden".

Armutszeugnis für eine Gesellschaft?

Wie lebt es sich als professioneller Herzensbrecher? "Ich lasse das nicht an mich heran", sagt Treichl, "in den meisten Fällen sind die Betroffenen sogar erleichtert." Viele ahnen, dass ihre Partnerschaft in einer Sackgasse ist, dass er immer später nach Hause kommt, weil er vorgibt, länger arbeiten zu müssen, dass sie nur noch wegen der Kinder mit ihm zusammen ist. Dass dann ein unbeteiligter Dritter den Schlussstrich zieht, empfinden viele als Befreiung, beobachtet Treichl.

"Es ist das absolut Schlimmste, jemanden zu verletzen", sagt er. Wenn man das outsourcen kann, um so besser. Doch wie steht es um eine Gesellschaft, die selbst das Beenden von Beziehungen auslagert? Ist es nicht ein Armutszeugnis? "Ich verstehe, wenn das Leute so sehen, aber ich halte mich da frei. Jeder soll sagen, was er will", meint Treichl.

Er selbst hätte sich oft in der Vergangenheit einen Schlussmacher gewünscht. So wie damals, als er eine siebenjährige Beziehung beendet hat, weil er seine Freundin nicht mehr liebte. Die Verschmähte nahm das nicht auf die leichte Schulter. Sie warf mit Messern nach ihm. Solche Szenen bleiben ihm als Schlussmacher erspart. Bisher zumindest. Schließlich ist er nur der Bote. Psychologen bezeichnen ihn gar als "Prellbock" oder "Airbag". Im Affekt würde ihm nie jemand an die Gurgel gehen, glaubt er.

Die Idee für die Trennungsagentur hatte Treichl bereits 2009. Doch erst, als er die deutsche Komödie "Der Schlussmacher" dieses Jahr im Kino gesehen hat, beschloss er, sie auch umzusetzen. "Ich habe einen Markt erschaffen, den es vorher nicht gab", sagt er. In einem Jahr will er 80 Schlussmacher für ganz Österreich rekrutiert haben. An jeder Ecke in Wien soll dann ein Smart mit der Aufschrift "Trennungsagentur" zu sehen sein. An jede Tür werden dann seine Agenten mit den schwarzen Boxen läuten. Und das tun, wofür ihren Auftraggebern der Mut fehlt. Einen Schlussstrich ziehen.