Kommunistisches Urgestein seit 35 Jahren: Wolf Jurjans.

- © Solmaz Khorsand
Kommunistisches Urgestein seit 35 Jahren: Wolf Jurjans.
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Wien. Sie haben nur ein kleines Zeitfenster, um ihre Botschaft unters Volk zu bringen. Das wissen die vier Männer vor dem Heizungsmuseum in Meidling. In der Regel arbeiten sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Und das seit Jahrzehnten. Gegen ihren Willen. Doch jetzt im Wahlkampf interessiert man sich für die Vorschläge der Genossen, ihre Visionen für eine bessere Welt.

Plötzlich pilgern Medienvertreter artig zu ihren Pressekonferenzen, lassen sich im August erklären, weshalb der Heizkostenzuschuss in Wien wieder eingeführt werden muss, es einer kostenlosen Energiegrundsicherung bedarf und eines Mindestlohns von zehn Euro die Stunde.

Dankbar blickt Wolf Jurjans in die Runde. Endlich wird ihm zugehört, wenn er von den Ausgegrenzten der Gesellschaft spricht. Der 60-jährige Nachtportier ist KPÖ-Bezirksrat im 5. Bezirk. In Wien stellt die Partei drei Bezirksräte. Sie halten das kommunistische Fähnchen hoch, das seit Jahrzehnten nicht mehr zu wehen scheint. Seit 1959 hat es die KPÖ nicht mehr in den Nationalrat geschafft, im Wiener Gemeinderat ist sie seit 1969 nicht mehr vertreten. Lediglich in einzelnen Bezirken konnte sie sich bis in die Neunziger Jahre durchsetzen. Danach verschwand sie von der politischen Bildfläche. Der Klassenkampf war passé. Das Proletariat hatte sich arrangiert. Die KPÖ war Geschichte. Gelegentlich gönnt man ihnen ihr bisschen Folklore, sei es bei Treffen in ihrem Stammcafé Siebenstern in Neubau, bei den Aufmärschen am 1. Mai oder am alljährlichen Volksstimmefest auf der Jesuitenwiese im Prater. In der Volksvertretung will der Wähler sie hingegen nicht haben. Doch seit 2005 gibt es nun erstmals wieder Bezirksräte, mit Josef Iraschko in der Leopoldstadt, mit Susanne Empacher in der Landstraße und seit 2010 mit Wolf Jurjans auch in Margareten.

Hin zur Trottoirpolitik


"Ich hatte sehr viel Angst, als ich der Kommunistischen Partei beigetreten bin. Ich dachte, dass ich ihnen als nützlicher Idiot in die Falle gehe", erzählt Jurjans. Das war 1978. Die Sowjetunion stand noch, Fidel Castro war bei bester Gesundheit und die KPÖ hatte noch einen Apparat. Heute kann der studierte Architekt die Ängste von damals nicht nachvollziehen. Er ist stolzer Langzeitkommunist, hat der Partei immer die Stange gehalten. Damals, als die Sowjetunion zerbrach, als sich die Partei - viel zu spät - vom Stalinismus distanzierte und als sie ihre Millionenvermögen nach jahrelangen Rechtsstreitigkeiten 2003 endgültig verlor. Jurjans gehört zum harten Kern. Abseits der Öffentlichkeit macht er Revolution - auf seine Weise. Verteilt im Winter Flyer an seine Nachbarn und tourt mit seiner Rikscha durch den Bezirk, um für seine Genossen mobilzumachen. Vor einem Jahr hat Jurjans mit einigen Mitstreitern die "Republik Reinprechtsdorf" ins Leben gerufen, eine Initiative, die sich gegen die Konzentration von Wettlokalen auf der Reinprechtsdorfer Straße starkgemacht hat.

"Es ist ja einiges an Zivilcourage in dem Land da, nur finden diese Kräfte kein Zentrum, um das sie sich verfestigen können", meint Jurjans. Und dieses Zentrum will die KPÖ sein. Die großen Parolen waren gestern, heute präsentiert sich die KPÖ als Speerspitze heimischer Bürgerbewegungen, ob im Kampf gegen Glückspielkonzerne, Immobilienhaie oder die Wiener Stadtregierung. Ihrer Vertreter präsentieren sich als moderne Kummerkastentanten. An sie können sich die Wiener wenden und tun es auch, vielleicht gerade, weil die betagten Genossen schon so lange nicht mehr Teil des Systems sind.

Susanne Empacher denkt eher pragmatisch als revolutionär. - © Solmaz Khorsand
Susanne Empacher denkt eher pragmatisch als revolutionär. - © Solmaz Khorsand

"Linke haben viel zu lange nichts mit Kommunalpolitik am Hut gehabt", kritisiert Susanne Empacher, Landstraßer Bezirksrätin. Die 52-Jährige ist der KPÖ in den Achtziger Jahren als Geschichtestudentin beigetreten, in einer Zeit, in der in Wohngemeinschaften abends im Sitzkreis die Werke von Karl Marx diskutiert wurden, als Professoren im Hörsaal schon einmal unterbrochen wurden, wenn sie den antifaschistischen Widerstandskämpfern im Nationalsozialismus keinen Tribut zollten, und als man sich mit den Unterdrückten dieser Welt immer und überall solidarisiert hat. Die Weltrevolution war das Ziel, nicht die schnöde Trottoirpolitik. "Dabei hat Kommunalpolitik viel mehr mit Pragmatik zu tun und weniger mit Revolution", befindet Empacher.

In Graz hat sich die KPÖ an diese Diktion gehalten, weg von den großen Phrasen, hin zur Politik von nebenan. Und hatte damit Erfolg. Bei den Gemeinderatswahlen 2012 wurde die KPÖ zweitstärkste Kraft hinter der ÖVP. Ein Erfolg, den viele der Vorarbeit Ernest Kalteneggers verdanken, jenem Stadtrat, der mit seinem Mieterschutz-Einsatz über die Grenzen Österreichs berühmt wurde.