In acht Minuten erfährt man viel über unsere Gesellschaft. - © Brnada
In acht Minuten erfährt man viel über unsere Gesellschaft. - © Brnada

Wien. Es ist einer dieser Orte, wo die Fäden des Lebens zusammenlaufen. Wo verheulte Augen ins Leere starren, wo frisierte Frauen am Cellophan der Blumensträußen zupfen und Pensionistinnen in Schlapfen ihre Enkel herzen. An der Glastür draußen steht "Zum Heil und zum Trost der Kranken", es ist eines der bedeutendsten Krankenhäuser Europas und das größte Österreichs: das Wiener AKH.

Der Betonquader ist Schauplatz von politischer Benachteiligung und von "Kämpfen um gleiche Rechte", sagt Gerd Valchars. "Hier werden beispielsweise täglich im Schnitt 36 Babys geboren, von österreichischen Ärzten im österreichischen Spital - aber weil die Eltern der Kinder nicht die österreichische Staatsbürgerschaft haben, gelten auch diese Babys von Geburt an rechtlich als Fremde in diesem Land", sagt Valchars.

Der Politikwissenschafter gehört zum Projekt "Gehörgänge", einer Veranstaltung der Wienwoche, die auf gesellschaftliche Diskrepanzen hinweisen will. Zwölf Wiener Schauplätze werden in dem Projekt vorgestellt. Neben dem AKH stehen auch etwa Orte wie der Verfassungsgerichtshof, der Augarten oder das Polizeianhaltezentrum an der Rossauer Lände auf dem Plan. Es sind nach Ansicht der Organisatoren Plätze, "die symbolhaft für emanzipatorische Kämpfe um Anerkennung, Sichtbarkeit und gleiche Rechte stehen," wie es im Programmheft heißt.

Es ist eine alternative, gesellschaftspolitische Stadtführung, die hier zur Verfügung gestellt wird - und die noch dazu jeder alleine für sich machen kann: Zu jeder Station gibt es Audiofiles von je rund acht Minuten Länge, die von der Homepage der Initiative heruntergeladen oder wahlweise in einer kostenlosen App angehört werden können - daher trägt das Projekt auch den Namen Gehörgänge.

Vogelgezwitscher gegen Punks und Bettler


Es ist Samstagnachmittag, vor dem Haupteingang des AKH trudeln die Teilnehmer ein, etwa 20 Personen, mehr Frauen als Männer, Studenten wie Hausfrauen. Es werden klobige Kopfhörer und kleine MP3-Player herumgereicht. Akkordeonmusik, die Signation der Beiträge, ertönt im Ohr.

Die verschiedenen Stationen behandeln aktuelle Themen, die in der Öffentlichkeit viel diskutiert werden, etwa der Status von Flüchtlingen, das Wahlrecht oder die Nutzung von öffentlichem Raum. Die Gehörgänge versuchen diese abstrakten Themen mit konkreten Orten zu verknüpfen, sie führen an Plätze, an denen sich aus ihrer Sicht Ungleichheiten physisch manifestieren. Zum Beispiel am Campus der Universität Wien, Altes AKH.

Hier geht es um das Thema Betteln, weil man hier immer wieder auf Bettler trifft. Ihnen wird oft aus Prinzip sehr großes Misstrauen entgegengebracht, heißt es in den Gehörgängen, das Betteln an sich würde verteufelt. Die Gehörgänge gehen deshalb der Frage nach, weshalb beispielsweise an Hilfsorganisationen in den meisten Fällen bedenkenlos Geld gespendet wird - konkreten Personen aber nicht.

Die Hörbeiträge sind aufwendig gestaltet, mit vielen Wortbeiträgen von verschiedenen Experten. Manche Audio-Ausführungen wirken auch einseitig, etwa wenn beim Thema "Betteln" die strukturelle Gewalt in Bettlerhierarchien einfach kaum erwähnt wird.

Dann aber gibt es immer wieder interessante, schräge Informationen über verschiedene Winkel der Stadt - ganz nach dem Motto: Unbekanntes über Bekanntes. Zum Beispiel der Eingangsbereich des Einkaufszentrums Gerngross auf der Mariahilfer Straße. Hier ertönt schrilles Vogelgezwitscher. Wer genau hinhört, merkt, es ist künstlich und kommt vom Band. Es hat den Zweck, Bettler und Punks fernzuhalten. Aus demselben Grund gibt es auch einen Paragrafen aus der Straßenverkehrsordnung, wie Valchars erklärt. Wer am Gehsteig "unbegründet stehen bleibt", riskiert in Österreich eine Strafe von 100 Euro oder 50 Stunden Haft.

Die Gehörgänge eignen sich nicht nur für interessierte Wiener, sondern auch für Wienbesucher mit Deutschkenntnissen. Für jene, die mehr sehen wollen als Lipizzaner, Mozartkugeln und Riesenrad. Die Beiträge sind auch nach der Wienwoche noch online abrufbar.