Psychische Gewalt wird von den Betroffenen oft gar nicht als solche wahrgenommen. - © corbis
Psychische Gewalt wird von den Betroffenen oft gar nicht als solche wahrgenommen. - © corbis

Wien. Kontaktverbot, Beleidigungen, Beschimpfungen, Demütigung, Bedrohungen, Erniedrigung und verschiedenste Formen der Machtdemonstration. 55 Bewohnerinnen von Wiener Frauenhäusern geben in einer aktuellen Studie - durchgeführt von der Karmasin Motivforschung - an, psychische Gewalt in den oben genannten Formen erlebt zu haben. "Psychische Gewalt ist zielgerichtetes, über einen längeren Zeitraum andauerndes seelisches Quälen", erklärt Andrea Brem, Geschäftsführerin der Wiener Frauenhäuser. Psychische Gewalt wird aber oft nicht gleich als solche erkannt, die Grenze zu "normalem" Verhalten verschwimmt. "Jeder Mensch ist einmal beleidigt, schimpft oder wirft die Nerven weg", so Brem. Psychische Gewalt hingegen habe das Ziel, die Persönlichkeit des Gegenübers zu zerstören. Die persönlichen Bedürfnisse der Betroffenen werden vollkommen ignoriert, das besondere Merkmal ist dabei die Kontinuität. Der Terror kann über Monate oder sogar Jahre andauern.

Ungestrafte Taten


Oft nehmen die Frauen das, was um sie herum passiert, nicht mehr in der Form wahr: "Viele Frauen, die hören, dass sie verrückt sind, zweifeln irgendwann wirklich an ihrer Wahrnehmung. Das ist ein typisches Symptom der psychischen Gewalt und deshalb ist es wichtig, dass sie mit einer neutralen Beraterin darüber sprechen", empfiehlt Brem. Auch als Freund oder Arbeitskollege der Betroffenen solle man nicht zu viel Druck auf diese Frauen ausüben. Für viele von ihnen sei der sofortige Schritt in ein Frauenhaus zu groß. Solange keine körperlichen Verletzungen vorliegen, ist es auch schwierig, einen Täter gerichtlich zu verfolgen. "Eine Möglichkeit ist, die Ereignisse schriftlich zusammenzutragen und das dann mit einer Anwältin zu besprechen", so Brem.

35 Jahre Frauenhaus


"Wer gegen eine andere Person eine längere Zeit hindurch fortgesetzte Gewalt ausübt, ist mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren zu bestrafen", heißt es im Paragraf 107b des Strafgesetzbuches. Psychische Gewalt wird hier nicht angesprochen, quasi nicht als Gewalt im herkömmlichen Sinn definiert. Die von psychischer Gewalt betroffenen Frauen können keine Befunde von körperlichen Verletzungen oder dergleichen vorweisen. Geht es nach Brem, bedarf es deshalb noch einer "strafrechtlichen Veränderung". Derzeit ist die psychische Gewalt der Themenschwerpunkt der Wiener Frauenhäuser: "Wenn das thematisiert wird, kommen die Frauen auch auf uns zu. Auch für diese Form von Gewalt sind wir da und haben Strategien", so Frauenstadträtin Sandra Frauenberger.