Das Lied "One Billion Rising" wird eine fast 100-köpfige Gruppe heute, Freitag, vor dem Parlament aufführen. - © Marianne Weiss
Das Lied "One Billion Rising" wird eine fast 100-köpfige Gruppe heute, Freitag, vor dem Parlament aufführen. - © Marianne Weiss

Wien. Blumen. Schokolade. Ein romantisches Abendessen beim Italiener. Die Grußkartenindustrie hat längst ihr neues Liebkind gefunden: den Valentinstag. Doch dass dieser Tag auch unter einem ganz anderen Stern als Blumen, Schokolade und romantische Dinner stehen kann, beweist die "V-Day"-Bewegung. "V" steht nicht für Valentine, sondern "Violence", konkreter "End of Violence."

Am Valentinstag ruft die internationale "V-Day Bewegung" mit der Kampagne "One Billion Rising" - "Eine Milliarde erhebt sich" - zum Kampf gegen Gewalt an Frauen und Mädchen auf. Bereits im Vorjahr gingen am Valentinstag weltweit tausende Menschen aus 205 Ländern und mehr als 5000 Organisationen unter diesem Motto auf die Straßen. Auch in Wien wird am Freitag marschiert. Um 17 Uhr findet vor dem Parlament unter dem Ehrenschutz von Nationalratspräsidentin Barbara Prammer eine zweistündige Kundgebung statt. Ab 19 Uhr findet im Volksgarten Pavillon eine "One Billion Rising After Demo Party" statt.

Jede dritte Frau ist ein Opfer von Gewalt


Die Kampagne wurde von der New Yorker Künstlerin Eve Ensler ins Leben gerufen. Die "Milliarde" bezieht sich auf eine UN-Statistik, nach der weltweit jede dritte Frau Opfer von Gewalt wird. Die Formen der Gewalt sind vielfältig. Während weltweit Ausbeutung, moderne Sklaverei, Frauenhandel und weibliche Genitalverstümmelung dominieren, ist es in den Ländern der westlichen Welt vor allem die häusliche Gewalt, unter der die Frauen leiden. Diese findet im Verborgenen statt, sie bleibt oft lange unerkannt und wird deshalb von der Gesellschaft nicht als Gewalt wahrgenommen. Meist wird sie von Männern ausgeübt, von Vätern, Brüdern, Ehepartnern oder Lebensgefährten. Die Gewaltpalette reicht von verbaler Gewalt, wie Beschimpfungen und Einschüchterungen, über körperliche Gewalt, wie Würgen oder Zuschlagen, bis hin zu sexueller Gewalt.

Frauen mit Migrationshintergrund


Ein bestimmender Faktor, der bei allen Gewaltformen mitschwingt, ist die psychische Gewalt. Sie äußert sich in der Isolation der Frau, in Drohungen und Zwang, in Verfolgung und Telefonterror oder in der Gewalt an den Kindern. Schätzungen zufolge wird jede vierte bis fünfte Frau in Österreich Opfer von häuslicher Gewalt. Die Dunkelziffer sei weit höher, so Berivan Aslan, Frauensprecherin der Grünen, anlässlich der Präsentation der Kampagne.

Als eine Ursache für das Entstehen von Gewalt nennt Maria Rösslhumer, die Geschäftsführerin des Vereins der Autonomen Österreichischen Frauenhäuser, die Abhängigkeit. Frauen, die wegen der Kinder ihren Job aufgeben müssen und nicht mehr ins Erwerbsleben zurückfinden, sind besonders verwundbar, da sie vom Ehepartner oder Lebensgefährten abhängig sind.

Bis eine betroffene Frau Hilfe in Anspruch nimmt, würden oft Jahre vergehen, meint Rösslhumer. Die Hemmung, sich an die Polizei zu wenden, sei besonders groß. "Die Frauen wollen den Mann schützen, sie wollen nicht, dass er den Job verliert", nennt sie Loyalität als einen der Gründe. Viele Frauen fühlten sich zudem schuldig und schämten sich, wenn sie ihre Gewalterfahrungen einer Institution mitteilen und aus der Privatheit heraustreten.

Für Migrantinnen ist es besonders schwierig, sich aus einer Gewaltbeziehung zu lösen. Sie sind von ihrem Partner abhängig und zählen zu den hoch gefährdeten Personen. Sie haben weniger Perspektiven, leben oft isoliert, wissen kaum Bescheid über Hilfsangebote und kämpfen mit der Sprachbarriere. Im Falle einer Trennung kann es sein, dass ihr Aufenthaltsstatus noch nicht gesichert ist, und um ein Niederlassungsrecht zu erhalten, müssen sie den Nachweis über das gesetzliche Mindesteinkommen erbringen. Dies stellt für Migrantinnen vor allem dann eine große Hürde dar, wenn sie keinen sicheren Job haben. "Migrantinnen wird auf dem Weg in ein selbständiges Leben nicht geholfen", sagt Berivan Aslan, die Frauensprecherin der Grünen. Sie fordert das bedingungslose Recht auf einen eigenständigen Aufenthaltsstatus für alle Frauen. Asylwerberinnen in der Grundversorgung und Frauen ohne Dokumente haben es doppelt schwer. Sie dürfen Hilfseinrichtungen wie Frauenhäuser nicht uneingeschränkt nutzen, da von Fördergebern Beschränkungen festgelegt werden.

Justiz und Polizei müssen handeln


In den vergangenen Jahren ist im Bereich Prävention und Opferschutz viel geschehen, freut sich Maria Rösslhumer. Das Gewaltschutzgesetz aus dem Jahr 1997, in dem die Wegweisung und das Betretungsverbot für Gewalttäter sowie die einstweilige Schutzverfügung geregelt sind, wurde verbessert. Ein neuer Strafbestand der "fortgesetzten Gewaltausübung" wurde eingeführt. Im Vorjahr hat Österreich die Istanbul-Konvention ratifiziert, in der gefordert wird, dass Gewalttäter zur Verantwortung gezogen werden müssen.

Die Maßnahmen sollen laut Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek im Rahmen eines nationalen Aktionsplans umgesetzt werden. Dennoch hätten viele Frauen, die aus derartigen Beziehungen ausbrechen, mit Ungerechtigkeiten zu kämpfen. "Wir leben im Patriarchat", sagt Rösslhumer, "Frauen werden nicht gleichberechtigt behandelt." Hilfesuchende Frauen werden von einer Institution zur nächsten geschickt, es wird ihnen nicht geglaubt. Die Frauen und ihre Erfahrungen müssen von jeder Behörde mit größter Sorgfalt und Menschlichkeit behandelt werden, von der Polizei bis zur Justiz. Rösslhumer: "Jeder Hilferuf muss ernst genommen und gehört werden."