Wien. Die Schuhe drücken. Die Bluse zwickt. Und das Gesicht schmerzt. Das eingefrorene Lächeln will einfach noch nicht so recht sitzen. Es ist Sonntagmorgen, 9 Uhr im Hotel Hilton. Die Fluglinie Emirates bittet zum Casting. Die Araber suchen Flugbegleiter. 3800 an der Zahl und das aus aller Welt. Zweimal im Jahr machen ihre Talentscouts auch in Wien halt.

140 Bewerberinnen stöckeln diesen Sonntag die Stufen in den ersten Stock des Luxushotels am Stadtpark hinauf. Sie kommen aus Österreich, Deutschland, Ungarn, der Slowakei, Tschechien, Slowenien und auch Serbien. Alt sehen sie aus, die Mädchen mit den biederen Halstüchern und der dicken Make-up-Schicht. Dabei sind sie blutjung. So jung, dass einige sogar ihre Eltern mit dabei haben. Nervös richten sie die Bewerbungsunterlagen her, ziehen an den straffen Stiftröcken der Töchter und stopfen das letzte widerspenstige Haar in den strengen Dutt. "Freundlich, aber nicht sexy", erklärt Julia die Stewardess-Etikette ernst. Die 22-Jährige ist aus München angereist. Stundenlang ist sie zu Hause vor dem Spiegel gestanden, hat ihrer Mutter diverse Röcke vorgeführt. Und hat sich schließlich für ein Modell entschieden, das ihren "brasilianischen Hintern", wie sie sagt, nicht zu sehr zur Geltung bringt. Die Araber sind da strikt, das weiß die studierte Kommunikationsdesignerin. Sie hat sich vorbereitet auf diesen Tag. Modisch und mental. Es könnte der erste Tag vom Rest ihres Lebens sein. Dem Tag, an dem sie nicht Julia die Praktikantin ist, sondern Julia, die einen Job hat. Einen richtigen, fixen, mit regelmäßigem Gehalt, Urlaubstagen und so.

Der Traumjob ist es nicht. Generation Praktikum hat es satt, in solchen Maßstäben zu denken. Traum, Verwirklichung, Selbsterfüllung. Zu lange wurde ihr vorgegaukelt, dass alles nur eine Frage des Engagements, des Ehrgeizes, der Leidenschaft ist. Aber Leidenschaft zahlt keine Rechnungen. Kann sich nicht das hübsche Kleid in der Auslage leisten. Kann keine Freunde zum Essen einladen. Und kann definitiv nicht nach Thailand auf Urlaub fahren.

Deswegen ist Julia heute hier. Aufmerksam hört sie Stefanie Fischer zu, wie sie im Konferenzraum über den einstigen Glamourjob Stewardess referiert. Fischer arbeitet in der Personalabteilung der Emirates. Streng wirkt die Mittzwanzigerin. Sie wird am Ende des Vormittags entscheiden, wer es in die nächste Runde schafft. Wer in die Emirates-Familie aufgenommen wird.