Bei den Frauenspaziergängen wird gezeigt, wo Frauen gewirkt, gelebt und gearbeitet haben. - © Kathrin Ivancsits, Wien zu Fuß
Bei den Frauenspaziergängen wird gezeigt, wo Frauen gewirkt, gelebt und gearbeitet haben. - © Kathrin Ivancsits, Wien zu Fuß

Wien. Viel Zeit hat Petra Unger nicht. Zwei Stunden maximal. Zwei Stunden, um die Geschichtsschreibung "der weißen Männer der herrschenden Oberschicht" zu korrigieren. Diesen Nachmittag fängt sie in Rudolfsheim-Fünfhaus an. "Hier war früher das Toni-Platzer-Heim", sagt Unger. 25 Augenpaare starren auf das unauffällige Wohnhaus in der Hackengasse 11. Keiner weiß, wer Antonia Platzer war. Dass sie einst als Dienstmädchen gearbeitet hat. Dass sie sich in der Gewerkschaft engagiert hat. Dass sie sich Jahrzehnte für bessere Arbeitsbedingungen von Hausarbeitern eingesetzt hat. Und dass 1963 ein ehemaliges Schulgebäude nach ihr benannt wurde. Heute weist nichts auf Platzers Wirken hin. Keine Plakette. Keine Gedenktafel.

"Wer an wen erinnert, haben die herrschenden Männer entschieden", sagt Unger. "Reale Erinnerungen an Frauen gibt es nicht im kollektiven Gedächtnis-Speicher der Stadt." Das will die Genderforscherin ändern. Auf "Frauenspaziergängen" zeigt sie, wo Frauen gewirkt, gelebt und gearbeitet haben - und es bis heute tun. Gerade einmal acht Prozent aller Straßen, Parks und Denkmäler sind Frauen gewidmet. "Mein Zugang ist nicht nur zu ergänzen, was fehlt, sondern ein herrschaftskritischer Blick auf das Ganze", erklärt sie.

Islam und Feminismus schließen einander nicht aus


Sie führt von Rudolfsheim-Fünfhaus, über den Gürtel bis nach Neubau. In sieben Stationen zeigt sie ein anderes Wien, eines von engagierten Gewerkschafterinnen, eines, in dem Schauspielerinnen jüdische Kolleginnen vor dem NS-Regime gerettet haben, und eines, in dem Lesben, Migrantinnen und Prostituierte nach einem selbstbestimmten Leben suchen.

"Gehen Sie nur in eine Moschee, weil es politisch korrekt ist?", fragt eine Besucherin. Die Gruppe, fast ausschließlich Frauen, steht in der Pelzgasse 9, dem Sitz der Union islamischer Kulturzentren im 15. Bezirk. Hier hat sich Unger mit ihnen im ersten Stock des Gebäudes, dem Bereich der Frauen, versammelt. 15 Minuten lang wird sie ihnen über die Geschichte des Hauses und des Islams in Österreich erzählen. Und sie wird ihnen klarmachen, dass Muslimin nicht gleich Muslimin ist, dass der Islam und Feminismus einander nicht ausschließen und dass schon die eine oder andere Kopftuchträgerin weitaus emanzipierter aufgetreten ist als so manche Europäerin im Minirock und Stöckelschuhen.