Wien. In der Eingangshalle am neuen Hauptbahnhof riecht es nach Aerosol und Vanille. Die Wände sind kunstvoll mit aufwendigen Mustern besprüht worden. Man sieht, hier sind Graffiti-Künstler am Werk. Das Projekt wurde von den ÖBB und dem Street Art Festivalsommer "Cash, Cans & Candy" der Kunstgalerie Ernst Hilger initiiert. Dazu wurden die international renommierten Street-Art-Künstler The Stencil Network und Stinkfish eingeladen. Die ÖBB stellten den Künstlern eine Fläche von 170 Quadratmetern zur freien Gestaltung zur Verfügung. Bis Ende Mai kann man die Kunstwerke besichtigen, danach werden die Gipswände abmontiert, die die Eingangshalle vom Baustellenbereich abtrennen. Die riesigen Paravents werden dann schließlich für einen karitativen Zweck versteigert.

Nicht nur Illegales


Sophie Dworczak ist die Kuratorin dieses bunten Projekts. Die Wienerin möchte mit "Cash, Cans & Candy" Street Art einer breiten Masse zugänglich machen. Somit werden nicht nur internationale, sondern auch heimische Künstler präsentiert und vorgestellt. Die urbane Straßenkunst bestehe schließlich nicht nur aus illegalen Machenschaften. "Es sollen damit auch die schönen Seiten dieser bunten und vielfältigen Szene ausgewiesen werden", erzählt Dworczak. Wien sei schließlich eine Melange der Kulturen und Nationen, das lasse sich mit Street Art nun mal am besten darstellen.

Kommerzielles Graffiti?


Die südamerikanischen Künstler haben farbenfrohe Kunstwerke gestaltet. Der kolumbianisch-mexikanische Künstler Stinkfish arbeitet seit elf Jahren mit Stencils (englisch: Schablonen). Den Mittelpunkt seiner Wandmalereien bilden Stencil-Portraits, die durch wilde und exotische Verzierungen ausgeschmückt werden. Diese Porträtfotos sind von anonymen Personen, die der Graffiti-Künstler im Laufe seiner Reisen auf der ganzen Welt gemacht hat. "Ich trage meine Kamera immer mit mir, wenn mir ein Gesichtsausdruck oder ein bestimmter Moment gefällt, drücke ich ab", beschreibt der Kolumbianer Stinkfish seinen Arbeitsvorgang. Seine künstlerischen Wurzeln liegen eigentlich im traditionellen Graffiti.

Schon als Kleinkind verzierte er die Wände seines Elternhauses. In der Schulzeit entwickelte er seinen persönlichen Stil, in dem er überall seinen Künstlernamen taggte, also markierte. Auf die Frage, was eigentlich hinter seinem Künstlernamen steckt, lacht der Graffiti-Artist. "Als ich 14 oder 15 war, habe ich angefangen, überall Stink hinzuschreiben. Ich habe nämlich Englisch gelernt und ich mochte eben den Klang von diesem Wort, es klang cool." Erst Jahre später fügte er Fish hinzu, ihm gefiel die Kombination aus beidem. Ab diesem Zeitpunkt fing er damit an, seine Graffiti und anderen Street-Art-Werke mit Stinkfish zu unterzeichnen.

Stinkfish möchte auf Fotos immer unerkannt bleiben, um seine Privatsphäre zu schützen. Schließlich sprayt der international anerkannte Künstler immer noch illegal. Er möchte weiterhin nach den Grundsätzen des Graffiti sprayen und arbeiten. "Wenn ich mir selber eine Wand aussuche, das Material selbst besorge und einfach mein Ding durchziehe - das sind die besten Momente. Nämlich zu malen beziehungsweise zu sprayen, ohne dafür irgendetwas zu erwarten", erklärt Stinkfish. Dass Street Art schon langsam kommerziell geworden ist, dessen ist er sich bewusst. "Natürlich, wenn man etwas Geld verdienen kann, dann ist das ja nicht schlecht. Aber ich möchte auch weiterhin nur für mich auf der Straße sprayen, das ist mir wichtig."

"Sind Botschafter der Kunst"


Ebenfalls auf Stencils basieren die Arbeiten des Künstlers The Stencil Network (TSN). Dahinter steckt der aus Puerto Rico stammende Juan. Sein Ursprung zur Kunst liegt im Architektur- und Kunststudium. Stencils sieht er als einen Weg, sich selbst ausdrücken zu können. "Als Street-Art-Künstler befinden wir uns eigentlich in einer sehr einzigartigen Situation. In dieser Szene wird nämlich sehr viel für die Wertschätzung von Kunst gemacht. Wir sind quasi die Botschafter von Kunst", sinniert der Puerto Ricaner. Ursprünglich wollte Juan Profi-Fußballspieler werden, doch nach geraumer Zeit fokussierte er seine Energie in realistischere Dinge. "Na klar, ich spiele immer noch Fußball, aber mein Knie hält mich von gewissen Stunts ab", meint er und schmunzelt. Im Gegensatz zu Stinkfish bevorzugt Juan nur Stencils. "Ich bin ein schrecklicher Graffiti-Künstler. Es ist ja nicht so, dass ich nicht mit einer Spraydose umgehen kann, nur ich liebe mal eben klare Linien und Schnitte. Stencils geben mir eine Kontrolle, da kann ich mir zu 100 Prozent sicher sein über das Endprodukt", erklärt Juan seine Vorgehensweise.

Beide südamerikanischen Künstler beziehen ihre Inspirationen aus unterschiedlichen Quellen. Während Juan seine Ideen aus der Geschichte der Menschheit holt, bedient sich Stinkfish der Straße. "Ich bin sehr viel unterwegs und mache sehr viel auf der Straße. Da gibt es nun einmal Unmengen zu entdecken, und dieses Gebiet ist unerschöpflich", sagt der Sprayer. Beide sind sich darin einig, dass sich ihre Perspektiven zu gewissen Dingen Tag für Tag ändern - eben durch ihre künstlerischen Tätigkeiten.