Wien. Man stelle sich folgende Situation vor. Es ist Wochenende in Wien, genauer gesagt im siebten Bezirk: Simon hat Probleme mit seinem neuen Drehsessel, er braucht einen Schraubenzieher, die Geschäfte haben zu, niemand ist in seiner Nähe - er kennt seine Nachbarn auch gar nicht. Pech gehabt, könnte man nun meinen, für Stefan Theißbacher ist das aber kein Grund zum Verzweifeln. "Die Homepage, die wir anbieten, funktioniert auf zwei Ebenen: Im Zentrum steht das Haus, in dem man lebt, zum anderen werden Bewohner angezeigt, die in einem Radius von 500 Metern wohnen - diese kann man virtuell kontaktieren." Dieses System ist im 7. Bezirk bereits im Einsatz und soll Nachbarn bei Alltagsproblemen helfen.

Testballon Neubau

Eine Idee, die aus der Selbsterfahrung entsprungen ist: "Ich habe seit zwei Jahren in einem Haus gelebt, ohne meine Nachbarn zu kennen. Einerseits fand ich es schade, weil so ein riesen Potenzial verloren geht, und andererseits uneffektiv, weil man sein Leben deutlich erleichtern könnte, wenn man sich gegenseitig unterstützt und Ressourcen gemeinsam nutzt", erklärt Theißbacher. Mit seiner Plattform "FragNebenan" möchte er dies nun ändern. Das System funktioniert so ähnlich wie bei anderen sozialen Netzwerken: Man meldet sich an, erstellt ein Profil, lässt sich mit seiner Adresse von der Plattform verifizieren. Danach kann man den Austausch an Ressourcen und Hilfe kostenlos in Anspruch nehmen, Privatnachrichten versenden, Fragen auf einem virtuellen schwarzes Brett hinterlassen.

Die Idee dazu wurde Ende 2013 mit einem Team umgesetzt und für das Internet programmiert. Ende Mai dieses Jahres ging das Projekt im 7. Bezirk an den Start: "Hier wollen wir überprüfen, ob das Konzept funktioniert, und lernen, wie wir das Entstehen einer Gemeinschaft fördern können", erklärt Theißbacher diesen Schritt. "FragNebenan" stößt auf reges Interesse. Anfangs waren es gerade einmal sechs Bekannte, die den Dienst nutzten, eineinhalb Monate später haben sich 35 Häuser aus dem siebten Bezirk angemeldet. Laut Theißbacher wächst die Anzahl der Nutzer auch schon innerhalb der Häuser stetig an.

Finanzieren möchte sich die Plattform durch zwei Quellen. Einerseits durch Kooperationen mit den jeweiligen Hausverwaltungen und andererseits durch Inserate von lokalen Geschäften und Einzelhändlern, die in der Umgebung sind.

Virtueller Gemeinschaftsraum


Derzeit sind vor allem Nachbarn angemeldet, die zwischen 25 und 40 Jahre alt sind und Internetzugang haben. Eine wichtige Gruppe dabei bilden junge Familien, die beispielsweise Hilfe beim Babysitten brauchen, ihr altes Spielzeug verschenken möchten oder allgemeine Fragen rund ums Haus haben. Aber auch Leute ohne Internetzugang sollen durch Aufkleber oder Ankündigungen am schwarzen Brett animiert werden mitzumachen.

"Wir wollen einen virtuellen Gemeinschaftsraum bieten, wo man sich rund um die Uhr austauschen kann", sagt Theißbacher. In diesem Interessenkreis werden zunächst Themen, welche die Gemeinschaft betreffen angesprochen, darüber hinaus bildet sich "aus dem Praktischen etwas sehr Soziales", glaubt Theißbacher zu wissen.

Erste Kontakte seien auch schon zur Stadt Wien geknüpft worden, auch Nachbarschaftsorganisationen sind daran interessiert. Langfristig könnten beispielsweise alle Infos, die zu einem Haus relevant sind, gesammelt online erscheinen: Hierbei geht es um Kontaktdaten der Hausverwaltung, Notrufnummern, alle Termine zum Haus, auch wo die nächste Polizeidienststelle, Post oder Sammelplatz ist.

Nachbarschaft anders, könnte man das auch Projekt nennen, denn: "In vielen Fällen hat man mit den Nachbarn erst dann zu tun, wenn es Probleme gibt, ,FragNebenan‘ kann helfen, einen positiven Zugang zu ermöglichen."

Nachher kann man sich virtuell bedanken, dazu wurde auf der Plattform auch eigens ein "Danke"-Button eingerichtet. Als Stefan Theißbacher Ende Mai zu einem Treffen bei sich zuhause einlud, um den Start der Plattform zu feiern, fehlten ihm noch die Kartoffeln. Gut, dass er da selbst zu seiner eigenen Idee greifen konnte: "Den Start feiern und dabei vom Nachbarn ausgeborgte Kartoffel essen, gab mir das Gefühl, dass die Idee wirklich funktionieren könnte."