Die Hydrophyten können bis zu 70 Zentimeter hoch werden.
Die Hydrophyten können bis zu 70 Zentimeter hoch werden.

Wien. Verärgert steigt Ulrich aus dem Wasser. "Das ist ein Wahnsinn, hier kann man ja fast gar nicht mehr schwimmen", empört sich der Mittvierziger über die derzeitige Situation an der Alten Donau. Seit vielen Jahren kommt er in den Sommermonaten fast täglich ins Arbeiterstrandbad, "aber so schlimm war es noch nie". Langsam scheint die Lage tatsächlich zu eskalieren. Kinder trauen sich nicht mehr ins Wasser, junge Männer stehen kopfschüttelnd am Ufer und entscheiden sich für das chlorhaltige Sportbecken. Das Problem sind Hydrophyten, wuchernde Wasserpflanzen, und Algen.

Ein großer Teil des eigentlichen Schwimmbereichs schimmert braungrün im Sommerlicht, mittlerweile durch Bojen als Sperrgebiet ausgewiesen. Eigentlich unnötig, denn Schwimmen ist dort sowieso nicht möglich. Die Liegewiese ist gut besucht, die Badegäste tummeln sich, doch von allen Seiten vernimmt man Klagen über ausufernde Wucherungen und unerwünschtes Kitzeln am Bauch. "Das ist wie ein Moorbad, aber dafür hab ich eigentlich nicht Eintritt gezahlt", schimpft eine alte Dame. Hydrophyten, durchaus nützliche - für Schwimmer aber lästige - Wasserpflanzen, erreichen mittlerweile die Oberfläche. Im Normalfall wird die Alte Donau von Mai bis Ende Oktober regelmäßig ausgemäht. "Bis 70 Zentimeter über den Grund", informiert die Website der Stadtverwaltung. Dies wurde dieser Tage augenscheinlich verabsäumt.

Bei der zuständigen MA 45 bestätigt man einen abrupten Anstieg der Beschwerden seit Anfang des Sommers. Laut Abteilungsleiter Gerald Loew kämpfe man heuer mit der dreifachen Menge an Hydrophyten. "Der relativ milde, kurze Winter und die konstante Temperatur, die sich auch in den Abend- und Nachtstunden kaum ändert, lässt die Pflanzen heuer extrem wuchern." Die perfekten Wachstumsbedingungen machen dem Magistrat schon den ganzen Sommer zu schaffen. "Wir kommen trotz Nachtschichten einfach nicht nach", sagt Loew. Eigentlich war die Lage Ende Juni und Anfang Juli an kritischsten und sollte sich allmählich endgültig entspannen. Für das Mähen der Bäder sei die MA 45 eigentlich nicht zuständig, auf Anfrage wird aber trotzdem gemäht. "Vom Arbeiterstrandbad haben wir aber bisher noch nichts gehört", betont Loew.

Zum Nichtstun verurteilt


Ursprünglich bestand die Mähflotte der Stadt aus drei Booten. Einer dieser Unterwasserrasenmäher kam allerdings nicht ein einziges Mal zum Einsatz. 1995 wurde die "Donaustadt" um umgerechnet 1,4 Millionen Euro angekauft. Seither rostete sie vor sich hin. Für die Alte Donau war das Boot zu groß und für die Neue schlichtweg überflüssig, denn dort verringerte sich das Wachstum der Hydrophyten ab 1995 schlagartig. 19 Jahre war der Stolz der Mähflotte zum Nichtstun verurteilt, im Mai wurde er schließlich verschrottet. Derzeit tuckern nur noch die "Floridsdorf" und ein angemietetes Mähboot der Firma Karl Hofbauer mit 2 km/h über die Wasseroberfläche.

Fluch und Segen


Bei günstigen Bedingungen wachsen die Schlingpflanzen bis zu 10 Zentimeter am Tag und werden acht Jahre alt. 2012 wurden 1800 Tonnen Hydrophyten aus der Alten Donau geholt. Vor allem Arten wie das Ährige Tausendblatt wachsen bis zur Wasseroberfläche. Die Stadt plant das Aussetzen von niedriger wachsenden Pflanzenarten, da diese für das ökologische Gleichgewicht der Alten Donau notwendig sind. Ohne ausgewogene Unterwasserflora wäre das Baden nämlich gar nicht möglich. Die Pflanzen festigen den Grund der Gewässer, bieten Lebensraum für Kleinlebewesen und Fische und stellen einen Nährstoffspeicher dar.

Nicht zuletzt bedeutet eine reichhaltige Vielfalt an Hydrophyten den Rückgang von Planktonalgen, die das Wasser trüben. Sie sind den Badegästen also Fluch und Segen zugleich. Sie verheddern sich in Schiffsschrauben und Schwertern und kitzeln ihre Körper, gleichzeitig sorgen sie für klares Wasser.