Bei "Alice im Mongolenland" geht es im Kern um Vorurteile, Freiheit und Selbstbestimmung. - © idance
Bei "Alice im Mongolenland" geht es im Kern um Vorurteile, Freiheit und Selbstbestimmung. - © idance

Wien. Der Rat der Geister versammelt sich in der Mongolei. Ein Dreieck formend, stehen sich die Geister Usan Han, Timucin und Satilay gegenüber. "Ich bin Usan Han, der Geist der Vorsicht und Besonnenheit", spricht der junge Mann. Er trägt ein ärmelloses Shirt und eine blaue Jogginghose. Moment. Ein Geist in Jogginghosen? Nach mongolischer Steppe sieht es hier im Amerlinghaus im 7. Bezirk auch nicht aus. Parkettboden statt karger Steppe: Im ersten Stock des Kulturzentrums probt die idance Company das Stück "Alice im Mongolenland". Was sie von gewöhnlichen Tanzkompanien unterscheidet: Die Tänzerinnen und Tänzer haben das Down-Syndrom.

Der junge Mann, der Usan Han verkörpert, heißt Ralf Meirhofer. Er ist 31 Jahre alt und kommt aus Favoriten. Ralf ist einer von rund 8000 Menschen in Österreich mit Down-Syndrom, statt der üblichen 46 Chromosomen besitzt er 47. Sein halbes Leben tanzt Meirhofer bereits, am liebsten steppt er. "Ich liebe Tanzen, ich mag auch Musik und wenn ich dazu singe", erzählt er. Meirhofer ist das "Urgestein" der Gruppe, seit der Gründung der idance Company 2008 tanzt er mit. Lampenfieber ist für ihn ein Fremdwort, sobald er auf der Bühne stehe, sei er gelassen. "Meistens denke ich an meinen Vater, der schon länger nicht mehr hier ist", sagt Meirhofer. "Mein Herz sagt mir, dass ich weitertanzen soll."

"Wir wollen das Tanzen barrierefreier gestalten"


Die Luft ist stickig im Proberaum. Jeden Mittwoch trifft sich hier die idance Company zum Proben, das "i" steht zum einen für Inclusion Dance. Die zweite, viel wichtigere Botschaft lautet aber: "Ich tanze". "Wir wollen mit der idance Company und Kunst mit Menschen mit Behinderung machen", sagt Bea Vavken, die künstlerische Leiterin der Kompanie. Für die Tänzer geht es um noch viel mehr, nämlich um Selbstbestimmung. Denn Menschen mit Down-Syndrom wird leider immer noch oft mit Angst begegnet und sie werden hinsichtlich ihrer Leistungen häufig noch unterschätzt.

Dass dies nicht der Fall ist, beweisen die insgesamt 17 Tänzerinnen und Tänzer, die für das Stück "Alice im Mongolenland" proben. Die deutsche Autorin Ulrike Kuckero schrieb den Kinderroman, den Billy Vavken für die Bühne adaptiert hat. Alice, ein elfjähriges Mädchen mit Down-Syndrom, wird von Gleichaltrigen als "Mongo" verspottet. Anstatt verletzt zu sein, nimmt sie es als Inspiration auf und bricht in die ferne Mongolei auf. Im Kern dreht es sich um Vorurteile, Freiheit und Selbstbestimmung.

"...den Geist der Menschen zu versammeln und ihnen zu helfen, jeder Tat einen Gedanken vorausgehen zu lassen. Was ist deine Aufgabe Satilay, Geist der Neugier und des Übermuts?", richtet sich Ralf an den dritten Geist. "Warum hebst du die Stimme bei ,zu lassen‘?", fragt Bea Ralf. "Besser, du betonst ,jeder Tat einen Gedanken‘", korrigiert sie ihn.

Ralf wiederholt den Text noch einmal, wieder hebt er seine Stimme an der falschen Stelle. "Die Texte sitzen schon super", sagt Bea Vavken zu den Eltern, die während der Proben unten im Amerlingbeisl an einem großen Tisch versammelt sind, "der Feinschliff fehlt allerdings noch".

Disziplin größer als bei Menschen ohne Handicap


"Luft!", schreien die Tänzer im Chor, Zeit für eine Pause. Über dem Innenhof wuchert Wilder Wein, Claudia Tenta, die pädagogische Leiterin, sitzt auf dem Balkon und raucht eine Zigarette. Sie erzählt von der Werkstätte "T21büne", die im September eröffnen soll. Menschen mit Down-Syndrom sollen dort zu Profitänzern ausgebildet werden, nach drei Jahren schließen sie mit einer Bühnenreifeprüfung ab. "Wir wollen sie in den Theaterbetrieb einbinden, etwa in der Maske oder als Kostümbildner, um sie optimal auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten", sagt Tenta.

Das ehrgeizige Projekt wird vom Fonds Soziales Wien und vom Bund finanziell unterstützt. Ralf wird ab September in der "T21büne" arbeiten: "Mein Ziel ist, dass ich die Prüfung bestehe und ein klassischer Tänzer werde, der im Theater spielt."

Vom Ensemble bis zur Werkstätte war es ein weiter Weg. 2008 haben Bea Vavken und Claudia Tenta das Ensemble gegründet, seither haben sie 15 verschiedene Stücke aufgeführt. Die ersten beiden Jahre musste Vavken den Verein noch selbst finanzieren, jetzt bekommen sie unter anderem vom Glücksspielkonzern Novomatic und der Raiffeisenbank Geld.

Im März veranstaltete Vavken zum dritten Mal das Down-Syndrom-Festival. Sie legt großen Wert auf den künstlerischen Anspruch. Die Kompanie tritt nur auf Theaterbühnen auf und kann nicht etwa für Abschlussbälle oder Weihnachtsfeier gebucht werden, wie das in der Branche andere Tanzgruppen handhaben. "Das hat etwas von Zurschaustellen von Handicaps, weil es Spendengelder einbringt", sagt Vavken.

Zurück im Proberaum. Julian, ein kleiner Bub mit grünen, kurzen Hosen und einem T-Shirt mit dem Logo der Tanzkompanie, ist an der Reihe. Er spielt einen mongolischen Pfeifhasen. Er soll nach vorne hopsen, danach zurück und wieder dreimal nach vorne, das ist die Reihenfolge.