Eltern sollten sich in Frustrationstoleranz üben, rät die Psychiaterin. - © apa/Helmut Fohringer
Eltern sollten sich in Frustrationstoleranz üben, rät die Psychiaterin. - © apa/Helmut Fohringer
Wien. Zwei Tage nach dem Tod jenes zweijährigen Mädchens, das vom Vater verbrüht wurde, diskutiert ganz Österreich über das Strafmaß. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Quälens einer Unmündigen mit Todesfolge, was bei einer Verurteilung ein bis maximal zehn Jahre Haft nach sich zieht. Bis zum Prozess ist der 26-Jährige auf freiem Fuß, für ihn gilt ein Betretungsverbot. Untersuchungshaft (für die Fluchtgefahr, Verdunkelungsgefahr, Wiederholungsgefahr oder Tatausführungsgefahr bestehen muss) wurde nicht verhängt.

Wie es zu einer solchen Tat kommen konnte und mit welcher Hilflosigkeit manche Eltern konfrontiert sind, erklärt die Psychiaterin Sigrun Rossmanith im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

"Wiener Zeitung": Wie beurteilen Sie eine Dusche als "Erziehungsmaßnahme"?

Sigrun Rossmanith: Das Zufügen von quälenden Schmerzen als Erziehungsmaßnahme ist als sadistisches Handeln zu qualifizieren. Wenn ein Kind kalt oder noch schlimmer heiß abgeduscht wird, wird Schmerz zugefügt, um sich selbst Macht und Dominanz zu beweisen. Das Opfer wird schmerzvoll unterworfen, der Selbstwert des Täters mit Dominanz aufgetankt.

- © privat
© privat

Wie würden Sie das heutige Erziehungssystem beschreiben?

Allgemein kann man sagen, dass Eltern heute weniger drastische Erziehungsmaßnahmen anwenden als früher. Es geht heute mehr in Richtung Laissez-faire-Stil. Ein Gegenbeispiel zur heutigen Zeit bietet die "schwarze Pädagogik" Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Mit drastischen Maßnahmen wurde versucht, den Kindern Grenzen zu setzen und störende Gefühle abzustellen. Kinder wurden zum Beispiel weggesperrt. Mit der 1968er-Bewegung wollte man den Kindern dann gar keine Grenzen mehr setzen. Für die heutige Zeit gilt, dass Kinder ein konstruktives Mittelmaß brauchen.

Eltern, die heute zwischen 40 und 50 Jahre alt sind, kommen aus dem Erziehungssystem der "gesunden Watschn". Wie gehen diese Eltern mit dem heutigen gewaltlosen Anspruch der Erziehung um?

Die meisten Eltern neigen dazu, das selbst Erlebte nicht weiterzugeben. Wenn Menschen mit extremer Gewalt aufwachsen, versuchen sie später das Gegenteil zu tun. Das ist oft auch nicht sinnvoll, denn dann werden häufig gar keine Grenzen gesetzt. Nur wenige Menschen geben weiter, was sie als Opfer erlebt haben. In der heutigen Kindererziehung wird jede Form von Gewalt abgelehnt. Auch die "gesunde Watschn" ist schädlich und zerstört Gefühle. Das wesentliche ist, dass ein liebevolles Klima vorherrscht. Jeder kennt Ausrutscher, und keiner spricht darüber. Es muss zwischen Ausnahmesituationen und sich wiederholendem Verhalten unterschieden werden. Außerdem ist die Entwicklungsphase des Kindes entscheidend. Stets geht es darum, dass ein Klima mit wachsendem Urvertrauen des Kindes sich entwickeln kann. In Einzelfällen gibt es auch heute noch sadistische Erziehungsmaßnahmen, wie das Verbrühen des Kindes unter der Dusche.