Wien. Der Auer-Welsbach-Park ist an diesem Morgen noch menschenleer. In wenigen Stunden werden hier Kinder spielen und Hundehalter ihren Tieren ein wenig Auslauf gewähren. Nur ein einzelner Mensch steht dort auf der Wiese und ist für die frühe Tageszeit bereits bester Laune. Seit vielen Jahren schon absolviert er hier seine Morgengymnastik. Dragan Muratovic hat kroatische Wurzeln und lebt seit 47 Jahren in Wien. Seit Kroatien 2013 Mitglied der Europäischen Union wurde, dürfte er hier in seiner Wahlheimat auch wählen. Zumindest die Bezirksvertretung.

Arife Sönmez, die mit ihrem Mann einen kleinen Supermarkt in der Goldschlagstraße betreibt, lebt seit 12 Jahren in Wien und sie spricht perfekt Deutsch. Bei dem türkischen Nahversorger treffen sich die Bewohner des Grätzls, um Granatäpfel zu kaufen, die jetzt gerade Saison haben. Wählen dürfen Arife Sönmez und ihr Mann nicht. Nicht einmal die Bezirksvertretung.

Die Wahllokale in Rudolfsheim-Fünfhaus werden wohl die leersten in ganz Wien sein. Denn der 15. Wiener Gemeindebezirk ist Schlusslicht bei der Mitbestimmung, ganze 34 Prozent sind nicht wahlberechtigt. Und die, die eigentlich wählen dürften, tun das auch nicht unbedingt. Bei der Bezirkswahl 2010 hatte Rudolfsheim-Fünfhaus von allen Bezirken mit nur 56 Prozent die niedrigste Wahlbeteiligung (63,4 Prozent waren es im Wiener Durchschnitt).

Probleme gibt es genug. Die Gentrifizierung lässt vielerorts die Mieten ansteigen, an anderen Ecken wäre man froh über ein wenig Sanierung und über neue, attraktive Begegnungsräume. Und wer nicht wählt oder nicht wählen darf, bleibt in gewisser Weise unsichtbar. Umso wichtiger sind in dem Bezirk alternative Formen der Mitbestimmung. Stolz berichtet Bezirksvorsteher Gerhard Zatlokal (SPÖ) von über 800 Interviews, die mit Bürgern zur Neugestaltung der Wasserwelt, dem Areal zwischen Johnstraße und Meiselmarkt, geführt wurden. "Das ist auch Eure Stadt", will er die Nicht-EU-Bürger im 15. Bezirk wissen lassen.

Zuwanderung: Positive Ressource


Ein Lokalpatriotismus wie in Ottakring oder Meidling hat sich im traditionellen Arbeiterbezirk Rudolfsheim-Fünfhaus nicht herausgebildet. Multikulturalität wird im 15. dagegen weitaus positiver bewertet als zum Beispiel in Favoriten - zu diesem Schluss kommt eine von der Abteilung für Stadtentwicklung und Stadtplanung durchgeführte Studie. Während in Favoriten Zuwanderung eher mit einer Abwertung des Gebiets assoziiert werde, dominiere in Fünfhaus ein "positiver Leitdiskurs", der "Zuwanderung als positive Ressource bezeichnet." Außerdem seien hier lokale Bezüge wichtiger, als überregionale.

Ein solcher lokaler Bezugspunkt ist der an der Äußeren Mariahilfer Straße gelegene Schwendermarkt, der seit 1833 besteht und um den seine Besucher schon lange bangen. Über 1800 Unterschriften konnte die "Bürgerinitiative zur Rettung des Schwendermarkts" bis Ende des vergangenen Jahres sammeln. Doch die Politik ist skeptisch und selbst der Bezirksvorsteher glaubt nicht recht an das Überleben des Traditionsmarktes. Zatlokal meint: "Den kann nur die Bevölkerung selbst retten. Wenn von den 1800 ein großer Teil dort auch einkaufen würde, hätten wir realistische Chancen."

Zumindest gibt es immer wieder neue Standler, die dort ihr Glück versuchen. Der Markt ist Teil des groß angelegten Blocksanierungs-Projekts "Reindorf-Nord". Der stellenweise heruntergekommene Bezirk wird renoviert und er wächst. Immer mehr Menschen zieht es in das noch günstige und günstig gelegene Viertel am Westbahnhof. "Es gibt einen Hype um Rudolfsheim-Fünfhaus", meint Christian Tesar, der Kandidat der Grünen. Dem Bezirk steht anscheinend die gleiche Entwicklung wie im angesagten Nachbarbezirk Ottakring bevor.

Kein Law-and Order Thema dieses Mal


Ein Zankapfel im 15. war lange Zeit die Straßenprostitution, die sich vor allem an der Felberstraße, der Hütteldorfer Straße und der Äußeren Mariahilfer Straße konzentrierte.

Das Thema habe ihn 2010 sicherlich einige Wählerstimmen gekostet, meint der Bezirksvorsteher. Knapp 6 Prozent verlor die SPÖ und erreichte mit 43,60 Prozent der Stimmen den 1. Platz. Die FPÖ gewann 7 Prozent und wurde mit 23,35 Prozent Zweiter. Im November 2011 wurde das Prostitutionsgesetz reformiert. Waren davor nur Parks und Straßen in der Nähe von Schulen tabu, wurde die Verbotszone jetzt auch auf Wohngebiete ausgeweitet. "Bis auf einige wenige Illegale ist das nun kein Thema mehr", sagt der Bezirksvorsteher. Nun kann er für die kommende Wahl ruhig schlafen. Zumindest in dieser Hinsicht.