Wien. Ausgeglichen zu sein ist die große Maxime unserer Zeit. Seinen Einklang gefunden zu haben, sein Zen, sein Ying und Yang. In der Stadt ist das hingegen nicht immer so leicht. Der Wiener kann sich nur schwer auf das Wesentliche konzentrieren, wenn er sich von einem Tinder Date zum nächsten wischt und nur noch mit dem Licht seines Smartphones einschlafen kann.

Dabei will er doch auch nur Eines: Einmal in sich gehen und in seiner Mitte ankommen. Zeit oder Budget für eine lange entbehrungsreiche Pilgerfahrt oder einen Ashram-Besuch hat er nicht. Trotzdem: Auf der Suche nach dem Seelenheil soll es keine Diskriminierung geben. Für all jene, die nicht nach Santiago de Compostela aufbrechen können, gibt es in Wien auf dem "Rundumadum"-Wanderweg, entlang des Wienerwalds, zahlreiche Alternative ihr Zen zu finden.

Von der Haltestelle Bahnhofstraße, der 49er Straßenbahn im 14. Bezirk, sind es nur ein paar Meter zu Fuß und schon sind die Wanderer mitten in der Natur des Dehneparks. Hier beginnt der Stadtwanderweg 4. Umgeben von Bäumen führt der Wanderweg den Satzberg hinauf, am Silbersee entlang, und zur Jubiläumswarte. Beendet wird der Rundgang über die Kreuzeichenwiese.

Eine bessere Beschilderung gewünscht


Noch ist der Wanderweg fast leer. Vereinzelt sind Spaziergänger auf dem Weg zur Jubiläumswarte anzutreffen. Zwei davon sind Marion und Petra. Sie sind in den Wäldern mit einem Hund unterwegs. "Wir gehen jeden Tag zwei bis drei Stunden spazieren, aber um diese Jahreszeit treffen wir nur selten auf andere Wanderer", sagt eine der beiden Wienerinnen. Sie sind Mitte dreißig, voll berufstätig und lassen ihren Tag gern auf diese Weise ausklingen. "Die Wandersaison beginnt mit dem ersten Frühlingsblühen", weiß Martin Moser. Im Mai erscheint sein neues Buch "Wien wandert", das die Wanderwege Wiens beschreibt. Im vergangenen Juli hat er begonnen die elf Stadtwanderwege und den Rundumadum-Wanderweg zu gehen. Im Februar war seine Recherche dann abgeschlossen. "Die Leute sind gelassen und wollen die Wanderung bewusst stressfrei angehen", sagt Moser. Auf den Wanderwegen habe er hauptsächlich Wanderer aus Wien getroffen. Besonders beliebt seien die Stadtwanderwege Kahlenberg (1), Leopoldberg (1a) und die Wanderwege im Wienerwald (2-4,8). "Da sind in der Wandersaison nicht nur am Wochenende, sondern auch unter der Woche viele Wanderer unterwegs", sagt Moser. Für den Wanderer war der Stadtwanderweg (6) Zugberg-Maurerwald am schönsten. "Dort sieht man die unterschiedlichsten Waldstrukturen. Vom kargen Föhrenwald geht die Wanderung weiter durch einen verwachsenen Laubwald. Das ist so natürlich und einzigartig in Wien", sagt Moser. Von der Familie mit Kindern über Jugendliche bis zum Pensionisten seien alle Altersgruppe an Wanderern vertreten. "Auf den Wanderwegen trifft man jeden Menschenschlag", sagt der Wanderexperte.