Als Tierpräparatorin versucht sich Jannike Stöhr eine Woche lang im Naturhistorischen Museum. - © sk
Als Tierpräparatorin versucht sich Jannike Stöhr eine Woche lang im Naturhistorischen Museum. - © sk

Wien. Selbstfindung ist kein Kinderspiel. Schon gar nicht in einer Leistungsgesellschaft, die selbst bei der Sinnsuche Ergebnisse sehen will. Es reicht nicht mehr zu fasten, zu pilgern oder zu meditieren. Wer heute wissen will, wie sein Innerstes tickt, muss es ernst meinen, sich Zeit nehmen, dafür leiden - Selbstfindungsquickie ist nicht drinnen, es muss schon der ganze Akt sein, inklusive Vorspiel und Kuscheln.

Jannike Stöhr meint es ernst. Der heutige Tag wird die 28-Jährige viel Überwindung kosten. Auf dem Programm: das Häuten von Vögeln. "Ich mag es, wenn ich mich überwinden muss", wird sie später sagen, wenn sie den grauen Arbeitskittel und die blauen Handschuhe übergestülpt hat und das Skalpell in die Hand nimmt. Eine Woche lang wird die gebürtige Deutsche im Naturhistorischen Museum testen, wie es sich anfühlt Tiere zu präparieren. So sieht ihr Experiment Selbstfindung aus. Ein Jahr lang will die junge Frau 30 Jobs testen. Das Ziel: ihren Traumjob zu finden.

Eine Sensation. Medien stehen Schlange für Interviews mit der studierten Wirtschaftswissenschafterin. Wie hat sie - eine ehrgeizige Personalerin eines deutschen Automobilkonzerns - es geschafft, aus dem Hamsterrad auszubrechen? Geht das? Kann man den durchkomponierten Lebenslauf einmal zur Seite legen und alles hinschmeißen? Einfach dem Bauchgefühl folgen?

Stöhr lächelt. Sie wirkt gelassen. "Es fühlt sich richtig an", sagt sie. Früher hat sie Informationen gesammelt. Das Pro und Kontra jeder Sache abgewogen und dann eine Entscheidung getroffen. Fünf Jahre lang hat Stöhr in der Personalabteilung eines deutschen Automobilkonzerns gearbeitet. Sie hat neue Mitarbeiter rekrutiert, sich 40 Stunden pro Woche um ihre Versetzungen, ihre Karenzen und ihre anderen Wehwehchen gekümmert. Eineinhalb Jahre war sie für die Firma gar in Peking. Spannend war das, doch nur so lange, bis es keine Herausforderung mehr war. Irgendwann dachte sie: "Wo soll das alles hinführen? Irgendwann habe ich viel Verantwortung, viel Geld, und was dann? Was sage ich am Ende meines Lebens?"

Carpe Diem mehr als nur ein Kühlschrankmagnet


Die Fragen passen zu ihrer Generation, der berüchtigten Generation Y. Es sind jene Menschen, die zwischen 1985 und 1990 geboren wurden. Die einen halten sie für faule Freizeitoptimierer, die am ersten Arbeitstag schon an den Sabbatical denken, und für weinerliche Egozentrikern, denen einmal zu viel von Mama und Papa gesagt wurde, wie toll sie nicht sind, und dass sie alles in ihrem Leben erreichen können, wenn sie nur wollen. Die anderen sind gnädiger: Sie halten die Generation Y für die selbstbewussteste und anspruchsvollste Generation aller Zeiten - eine Generation, die alles umkrempeln wird, vor allem die Arbeitskultur. Sie wird nicht schuldbewusst aus dem Büro schleichen, um das Kind abzuholen, während die Kollegen noch arbeiten. Sie wird es mit Selbstverständlichkeit tun. Und sie wird nicht bis zur Pension im selben Job ausharren. Sinn, Selbstbestimmung und Autonomie - das bedeutet Status für die Ypsiloner - nicht das protzige Firmenauto, die Beförderung, die Gehaltserhöhung. Carpe Diem als Lebensmaxime - und zwar vom Frühstückskaffee bis zum Abendessen.