Die Schlaraffen sind 60 und älter und gehören zum gehobenen Bürgertum. - © Klaus Pichler
Die Schlaraffen sind 60 und älter und gehören zum gehobenen Bürgertum. - © Klaus Pichler

Wien. "Lulu!" - "Lulu!" heißt es, wenn die Schlaraffen einander am "Uhutag" begrüßen. Dann finden die wöchentlichen Vereinssitzungen - genannt "Sippungen" - statt, und zwar in den "Burgen", wie die Vereinslokale im "Schlaraffenlatein" heißen. Die Schlaraffia ist ein Männerbund, der über die ganze Welt verteilt ist. In Österreich leben gut 2500 Schlaraffen, alleine in Wien gibt es drei Vereine, sogenannte "Reyche". Die Schlaraffia Vindobona ist mit rund 100 Mitgliedern die größte und wurde 1880 gegründet. Es ist Donnerstag, kurz nach 19 Uhr, und ihre Schlaraffen rüsten sich. Krawatten- und Anzugträger nähern sich der Burg in der Währinger Straße im 18. Bezirk. In den Händen halten sie Aktenkoffer, aus denen sie nach Betreten der Burg ihre Uniformen nehmen. Auf ihren "Helmen" - bunten Stoffmützen - sind ihre Ritternamen zu lesen, Amtsträger tragen zusätzliche Orden und Schärpen.

Weltweit existieren um die 265 Reyche - von Klagenfurt über Paris bis nach San Francisco und Rio de Janeiro. In Deutschland sind es 151, in Österreich 49, in der Schweiz elf, in Nordamerika 33, in Südamerika neun. Daneben existieren Reyche in Schweden, Belgien, Frankreich, Spanien, Australien und Thailand, und überall spricht man Deutsch - beziehungsweise verulkt dieses im Schlaraffenlatein.

Die Persiflage auf Anmaßung und Standesdünkel


Am Eingang der Burg steht "Ceremonienmeister" Ritter Tschien, der die Ankömmlinge einzeln registriert. Er zählt mit 47 Jahren zu den jüngsten Schlaraffen. Die meisten sind 60 und älter und gehören zum gehobenen Bürgertum: Universitätsprofessoren, Architekten, Juweliere, viele bereits im Ruhestand. Bei den wöchentlichen Treffen werden die Bürger zu Narren, der Spaß wird dabei allerdings sehr ernst genommen. Ihren Ursprung hat die Schlaraffia 1859 in Prag, das damals zur k.u.k. Monarchie gehörte: Junge deutschsprachige Künstler, die "Urschlaraffen", hatten genug von der etablierten Institution Kunst und stampften die Schlaraffia als augenzwinkernden Gegenschlag, als "Persiflage auf Anmaßung und Standesdünkel", aus dem Boden. Freundschaft, Kunst und Humor wurden als Grundtugenden festgelegt - und blieben bis heute unverändert.

Die Zeitrechnung setzt im Gründungsjahr der Schlaraffia an: 2015 ist also das Jahr 156 a. U. ("anno Uhui"). In ihrer Geschichte musste sich der honorige Verein durch den Ersten Weltkrieg quälen, im Zweiten wurde die Schlaraffia verboten. Es fanden zwar geheime Stammtische statt, doch die Schlaraffen nennen diese Jahre die "uhufinstere Zeit". Woher der Vereinsname kommt, bleibt unklar, genauso wie die Frage, warum der Uhu zum Symbol der Schlaraffia wurde. "Es könnte sein, dass in dem Lokal, in dem die ersten Treffen der Schlaraffia waren, ein Uhu gestanden ist", sagt "Ritter Staphylo der Kokkenjäger" - im bürgerlichen Dasein Arzt. Er ist der "Oberschlaraffe für Inneres" der Schlaraffia Vindobona und fährt fort: "Solche Fragen werden nie geklärt werden, da sämtliche Aufzeichnungen vernichtet wurden." Der Uhu Roland im Tiergarten Schönbrunn wird jedenfalls von der Schlaraffia gesponsert.

Gehören alle auf die Baumgartner Höhe


Die Wände der Burg sind mit altertümlichen Wappen behängt, mehrere Uhus stehen im beeindruckenden Saal, alles ist sehr ritterlich eingerichtet. Das Reych Vindobona hat eine der weltweit größten Burgen. Im Seitenflügel befindet sich die "Nebenburg", angrenzend ein Museum mit Ausstellungsstücken berühmter Schlaraffen wie Schauspieler Paul Hörbiger und Komponist Franz Lehár. Weitere berühmte Schlaraffen waren Gustav Mahler, Peter Rosegger und Gustl Bayrhammer ("Meister Eder").

Ritter Staphylo leitet die heutige Sippung. Bevor er auf die Kanzel steigt, warnt er noch: "Die ersten Male verzweifelt man und denkt sich wahrscheinlich: ‚Die gehören alle auf die Baumgartner Höhe.‘ Erst nach vier bis fünf Jahren fängt man an, es zu verstehen." Ritter CondeQuent, ein Gast aus einem deutschen Reych, zuckt mit den Schultern: "Also, wenn mich jemand fragt, was die Schlaraffia ist, sage ich immer: ‚Ich bin seit 32 Jahren dabei - und ich weiß es noch immer nicht.‘" Was er aber weiß, ist, worüber man zu schweigen hat: "Keine Politik, keine Religion, keine Zoten."

Nachdem sich die Burg mit rund 60 Schlaraffen gefüllt hat, eröffnet der Ceremonienmeister um 20 Uhr die Sippung und klopft mit seinem nikolausähnlichen Stab auf den Boden: "Schlaraffen, rüstet euch! Das Reych erhebe sich." Alle Anwesenden stehen auf, der Gong hinter den Oberschlaraffen wird angestimmt. Es folgen feierliche Einführungsansprachen in Reimversen, die von Posaunenfanfaren und Klavierpassagen abgerundet werden. Lauthals singt die gesamte Mannschaft Schlaraffenlieder. Die Sprache, die durch den Abend führt, verwendet das königliche "wir" und ist generell sehr förmlich-ritterlich. Diese Form wird nicht gebrochen, alles bleibt übertrieben anachronistisch: In der Burg existiert kein Internet, kein Handy, kein Beamer - dafür wird anständig gegessen und getrunken. Die Sitzordnung der Bühnenfiguren ist streng vorgeschrieben: In der Mitte sitzen die drei Oberschlaraffen des Inneren, des Äußeren und der Kunst. Rechts davon der Marschall, links der Kanzler, der Protokoll führt. Die gesamte Hierarchie der Schlaraffia erinnert an die von Burschenschaften, und tatsächlich erzählt Ritter CondeQuent: "Ich war früher in einer Studentenverbindung. Aber keiner schlagenden, sondern einer protestantischen." Die Schlaraffia betont immer wieder, weder Verbindung noch Freimaurerloge oder Serviceclub zu sein. Ritter Staphylo versucht eine Einordnung: "Das ist eine seltsame Mischung aus Ernst und Scherz, Kunst und Humor."