Wien. Obwohl in den vergangenen Jahren sämtliche Hausanschlussleitungen getauscht wurden, zeigt sich laut einer aktuellen Erhebung der Aqua Quality Austria (AQA) zur Trinkwasserqualität, dass es in den Bezirken 1, 4, 6, 7 und 9 bei mehr als 40 Prozent der Probenentnahmen Grenzüberschreitungen bei den Bleiwerten gibt.

Eine gewisse Rolle könnten dabei fehlende Standards bei der Armaturenindustrie spielen. Vor allem aber finden sich in Altbauten - insbesondere in den Gründerzeit-Häusern - noch immer häufig alte Bleirohre, die das Trinkwasser mit Blei anreichern können. Das würde auch die erhöhten Werte vor allem im innerstädtischen Bereich erklären.

Handeln müssten eigentlich die Eigentümer, insbesondere vor dem Hintergrund der Trinkwasserverordnung 304/2001, welche auf einer WHO-Empfehlung beruht und per 1. Dezember 2013 reduzierte Grenzwerte für Blei vorsieht: Eine für die durchschnittliche wöchentliche Wasserentnahme durch den Verbraucher repräsentative Probe darf demnach 10 Mikrogramm pro Liter nicht mehr übersteigen. De facto ist damit der Ausbau von alten Bleirohren in Steigleitungen und Wohnungen zur Verpflichtung geworden.

Trotzdem dürfte der Leitungstausch kaum fortschreiten, stellt Thomas Schlatte von AQA mit Verweis auf die erhobenen Messdaten fest. Die Empfehlung der Wiener Umweltanwaltschaft, das morgendliche Stagnationswasser im Umfang von mindestens zehn Liter abfließen zu lassen, betrachtet Schlatte als unzureichend: Abgesehen vom Aufruf zur Wasserverschwendung werde hier ausgeblendet, dass das Wasser auch tagsüber in den Leitungen stehe und sich erneut anreichere.

Plausibilität der Studie in Frage gestellt

Theodossia Nadiotis-Tsaka, Leiterin der Labors für Umweltmedizin der MA 39, stellt die Plausibilität der AQA-Erhebung in Frage: "Die konkrete Studie wurde nicht veröffentlicht. Aufgrund meiner langjährigen Erfahrung in der Untersuchungsstelle weiß ich aber, dass auf Basis von nichtrepräsentativen Einzelmessungen immer wieder pauschale und fragwürdige Rückschlüsse auf die Trinkwasserqualität gezogen werden."

Die Expertin empfiehlt den Verbrauchern, ihr Wasser in Abhängigkeit von den eigenen Nutzergewohnheiten prüfen zu lassen. Um geeignete Maßnahmen zu treffen, gelte es im Einzelfall "Detektivarbeit" zu leisten: Es müsse die jeweils individuelle Situation abgeklärt werden. Eine Pauschallösung gebe es nicht. So sei im Falle einer geringen Beeinträchtigung durch die Armaturen oft schon das Abfließenlassen des Stagnationswassers ausreichend. Ansonsten gelte es zu prüfen, in welchem vorgelagerten Leitungsbereich das Problem liegt.

Demnach liegt die Verantwortung für die Lösung des Problems Bleibelastung derzeit primär bei den Mietern. Diese können zwar das Wasser kostenpflichtig prüfen lassen und im Fall einer nachgewiesenen Grenzwertüberschreitung den Eigentümer klagen. Allerdings könnten die Sanierungskosten auf die Mietpreise umgelegt werden, befürchten etwa die Interessensvertretungen. Die Sanierung sei grundsätzlich schwierig und eine starke Beeinträchtigung für die Mieter. Langwierige Gerichtsverfahren durch Gegengutachten seien nicht auszuschließen.

Laut dem Umweltmediziner Hanns Moshammer von MedUni Wien sind die geäußerten (Kosten-)Bedenken betreffend Leitungstausch unverhältnismäßig. Zumal längst erwiesen sei, dass die regelmäßige Aufnahme kleiner Bleimengen zu chronischen Erkrankungen des Nervensystems und verschiedener Organe führen kann. Schwangere und Kleinkinder sind laut Mooshammer aufgrund ihrer erhöhten Stoffwechselaktivität sogar akut gefährdet. Demnach gehen erhöhte Bleiwerte im Blut häufig mit Störungen der Blutbildung sowie der emotionalen und Intelligenzentwicklung einher. Die Dosis-Wirkungsbeziehung zeige sich mitunter bei einem Belastungsniveau, welches unterhalb des vormaligen Grenzwerts liege. Moshammer gibt zu bedenken, dass es grundsätzlich keine Sicherheitsschwelle für Blei gibt.

Grüne wollen Koalitionspartner in die Pflicht nehmen

Grünen-Umweltsprecher Rüdiger Maresch will nun angesichts der jüngsten Erhebung das Thema zum Verhandlungsgegenstand der Rot-Grünen Stadtregierung machen. Der Appell an die Selbstverantwortung greife hier nämlich zu kurz. "Weil Ungeborene und Kinder ihre Interessen noch nicht wahrnehmen können."

Wenn verpflichtende Abgasmessungen und EU-konforme Elektroinstallationen durchgesetzt werden können, müsste auch Verhältnisprävention beim Trinkwasser gelingen, so der Politiker. Neben einer umfassenden Informationspflicht der Gesundheitsbehörde spricht er sich für die Einführung von geeigneten Produktstandards für Armaturen sowie für verpflichtende Überprüfungen von Trinkwasser aus. Und die Mieter müssten künftig bei Klagen und Eigentümer bei der Sanierung unterstützt werden.