Wien. 18 Stunden täglich arbeiten. Danach schlafen mit 12 fremden Männern in einem Zimmer. Wenn der Rücken schmerzt, kein Arzt, zu dem er gehen kann. Wenn der 34-jährige Fliesenleger Viorel Petrescu (Name geändert, Anm. d. Red.) von seinem Arbeitsleben erzählt, wähnt man sich in den Abgründen der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Einer Zeit, in der Arbeiter in Baracken hausten, für einen Hungerlohn arbeiten mussten und nicht versichert waren.

Die Ausbeutung des Arbeiters wurde dann Anfang des 20. Jahrhunderts durch die sozialistische Arbeiterbewegung beendet. So lehrt es uns die Geschichte. Doch wofür sich die Genossen am 1. Mai jedes Jahr auf die Schultern klopfen und worauf sich Historiker einigen können, von dem konnte Viorel Petrescu bis jetzt nur träumen. Die Ausbeutung des Arbeiters ist auch heute noch Realität.

Viorel Petrescu ist ein großer starker Mann mit unauffälligem Kurzhaarschnitt. Müde Augen, kräftige Hände und ein steifer Gang erzählen von einem Leben, in der harte Arbeit sein ständiger Begleiter ist. Petrescu wuchs in einem Dorf in Zentralrumänien auf. Für ihn war bald klar, dass er von dort weg musste, wenn er nicht wie die anderen Männer im Dorf enden wollte. Männer, die ihren Frust und ihre Depression in Alkohol ertränken, weil es keine Jobs gibt und sie nicht wissen, wie es weitergehen soll. Nein, so wollte er nicht enden, schwor er sich. Er wollte es einmal besser haben.

- © Illustration: Michael Pleesz
© Illustration: Michael Pleesz

Der Traum von einem besseren Leben

Mit 19 Jahren verließ er das Dorf, um als Fliesenleger auf den Baustellen in Westeuropa zu arbeiten. Er kam viel herum, arbeitete unter anderem in Brüssel, in Dublin und in Rom und verdiente gut. Doch dann kam die Wirtschaftskrise, die sich auch auf den Bausektor auswirkte. Die Aufträge wurden immer weniger, die Bezahlung immer schlechter. Petrescu konnte sich nur noch mühsam über Wasser halten. Unter den Arbeitern sprach sich jedoch herum, dass Wien von der Wirtschaftskrise nicht betroffen sei. In der schnell wachsenden Hauptstadt gebe es einen Bauboom, wo Arbeiter dringend benötigt werden, erzählte man sich. Petrescu, der mittlerweile geheiratet und zwei Kinder hatte, packte seine Sachen und fuhr nach Wien. Er schöpfte Hoffnung. In Wien, so hoffte er, sollte es nun besser laufen.

Auf den Großbaustellen der Bundeshauptstadt wollte der Fliesenleger genügend Geld verdienen, damit er sich seinen Traum endlich verwirklichen konnte. Eine eigene Wohnung, einmal im Jahr auf Urlaub fahren und dabei etwas Geld zur Seite legen, damit er seinen Kindern später einmal eine Ausbildung zahlen kann. Ein Traum, der für viele Wiener Normalität ist. Doch sein Traum zerplatzte. Das Arbeiten an Wiens Großbaustellen wurde für Petrescu zum Alptraum.