Wien. Mehr als 1300 in Wien lebende Jugendliche haben im Rahmen des Projekts "Wir. Berichte aus dem neuen Österreich" aus ihrem Leben erzählt. Dafür waren Workshop-Teams in mehr als 80 Klassen in 20 Wiener Schulen sowie im AMS unterwegs. Nächste Woche erscheinen diese Texte unter den Titeln "Wie wir leben", "Woher wir kommen" und "Wohin wir gehen" in Buchform.

"In Summe lassen sich diese Berichte als Porträt einer Generation lesen. Wenn Menschen, die heute 14 bis 24 Jahre alt sind, über ihr individuelles Gestern, Heute und Morgen schreiben, summieren sich diese Berichte wie die Steinchen eines Mosaiks zu einer Skizze unserer Gegenwart", schreibt dazu der Herausgeber Ernst Schmiederer. Die Vorworte zu den drei neuen Büchern haben Bildungsexpertin Heidi Schrodt ("Wie wir leben"), Sprachwissenschafterin Ruth Wodak ("Woher wir kommen") sowie Historiker Dirk Rupnow ("Wohin wir gehen") verfasst. Und auch sie erzählen dabei aus ihrem Leben und ihren Erfahrungen. Heidi Schrodt thematisiert dabei Mehrsprachigkeit und Diversität, Dirk Rupnow Geschichte und Geschichten - und Ruth Wodak Sprache und Identität. Im Vorfeld der Veröffentlichung sind diese Texte in der "Wiener Zeitung" zu lesen. Den Anfang macht Ruth Wodak.


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Immer wieder erlebe ich, dass man/frau mich fragt, ob ich denn wirklich aus Österreich stamme. Warum? Weil ich - so sagen die an mir Interessierten - anders ausschaue, nämlich "nicht-österreichisch"; ausländisch, italienisch, südländisch, eben anders. Solche Fragen haben mich früher sehr verunsichert; ich habe nachgegrübelt, was denn an meinem Aussehen so anders sei? Dunkle Haare etwa; oder dass ich klein und schmal bin; oder vielleicht meine längere Nase?

Unlängst begründete eine sehr freundliche Frau die Frage nach meiner Herkunft (und Identität) damit, dass ich ein römisches Profil besäße. Ist dies nun ein Kompliment? Oder eher eine Ausgrenzung? Wie definiert man denn "österreichisch"? Durch Sprache, Aussehen, Kleidung, Gewohnheiten, Religion oder Geburtsort? Oder durch Staatsbürgerschaft?

Da ich in London geboren bin, als Kind von österreichisch-jüdischen Flüchtlingen (meine Eltern wurden 1938 aus Österreich vertrieben und haben in England einen Zufluchtsort gefunden), bin ich mit solchen Fragen aufgewachsen; auch mit der Biographie meiner Eltern, für die die Flucht aus Österreich nach dem sogenannten Anschluss im März 1938 und die Rückkehr nach Österreich nach Ende des Zweiten Weltkrieges die bestimmenden Momente ihres Lebens waren.