Wien. Umar fühlt sich fehl am Platz. Das ist nicht seine Welt. Nicht mehr. Verstohlen schaut der 16-jährige Schüler auf die weißen Tischdecken und die Kellner in den blauen und roten Uniformen. Elegant sehen sie aus, wie sie da Souvlaki-Spießchen und Burritos auf ihren Tabletts balancieren. Sein Blick wandert hinauf zur Terrasse mit den großen Glasfenstern und dem Sonnendach. Das ist sie also, die Zukunft der Copa Cagrana: Ein Glascontainer mit griechischem und mexikanischem Essen. Er soll eine neue Ära einläuten auf dem einstigen Hausmeisterstrand. Eine, weg von morschen Strandhütten, heruntergekommenen Shisha-Bars und kitschigen Tavernen, hin zur "coolen Waterfront". Das wünscht sich Umweltstadträtin Ulrike Sima schon so lange.

Was Politiker einen Schandfleck nennen, ist für viele Jugendliche ein zweites Zuhause: die Copa Cagrana - und ihr Fight Club. Luiza Puiu
Was Politiker einen Schandfleck nennen, ist für viele Jugendliche ein zweites Zuhause: die Copa Cagrana - und ihr Fight Club. Luiza Puiu

Vor knapp zwei Wochen kam die SPÖ-Lokalpolitikerin ihrer Vision nun endlich einen Schritt näher. Feierlich präsentierte sie die zwei neuen Lokale und den kleinen Sandstrand, den man den Wienern in den vergangenen drei Monaten gezimmert hatte. 2,5 Millionen Euro hat die Stadt in die 30 Meter Neuland investiert. Ein Freudentag sei es für Sima gewesen. Und ein Sieg gegen den Generalpächter der Copa Cagrana, Norbert Weber. Mit ihm liegt die Stadt Wien, die Eigentümerin des Areals, seit Jahren im Rechtsstreit. Er soll die Meile verkommen haben lassen. Aus ihr eine Copa Cagrindia gemacht haben. Doch das soll bald Geschichte sein. Demnächst will die Stadt auch die letzten verbleibenden Hütten abreißen. Meter für Meter. Man warte nur noch auf ein Gerichtsurteil. Dann gehört der "Schandfleck", wie Sima den Streifen nennt, der Vergangenheit an. Eine neue Ästhetik soll an die Uferpromenade. Und eine neue Klientel.

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"Das haben sie nicht für uns gebaut", murmelt Umar, wenn er am neuen Abschnitt entlang geht. Die braunen Haare hängen ihm wie ein Schutzschild ins Gesicht. Schweigend beobachtet der gebürtige Tschetschene die vielen Gäste in den neuen Lokalen. Er fühlt sich nicht wohl. "Können wir jetzt wieder zurückgehen?" fragt er leise. Zurück, das ist nur 30 Meter weiter. Zurück zum alten Abschnitt der Copa Cagrana. Dort, wo die alte Welt noch steht. Wo aus den Boxen laute Popmusik dröhnt. Wo es keine weißen Tischdecken gibt. Wo es nach Rost riecht. Und wo die Leute der Copa immer die Treue gehalten haben - Grind hin oder her.

Der Schandfleck
als zweites Zuhause

Es ist ein unverwüstliches Volk. Die Pensionisten, die ihr schlaffes Pitabrot im Rhythmus der Syrtakimusik in das warme Gurkenjoghurt tunken; die Touristen, die in der Abenddämmerung über die Ponte Cagrana selig Fotos voneinander schießen; die Jutesackmädchen, von denen sich das eine oder andere hierher verirrt, weil es genug hat vom blasierten Donaukanalvolk und auf der Suche ist nach etwas Authentischem - und seien das nur ein paar spröde Teenagerlippen, die an einer Wasserpfeife nuckeln.

In dieser Welt fühlt sich Umar willkommen. Halbstarke wie er halten Sommer für Sommer auf der Insel die Stellung. Egal bei welchem Wetter. Egal mit welchem Image. Was Politiker einen Schandfleck nennen, ist für sie zu einem zweiten Zuhause geworden. An jede Hütte können sie sich erinnern, die hier einmal gestanden hat. Wissen, welche abgebrannt ist und welche von der Stadt niedergerissen wurde. Wehmütig zählen sie ihre Namen auf, als handle es sich um geliebte Verstorbene. Xtanbul, Pierre Loti, Zaza Bar.

Jeden Tag kommen sie an aus den Flächenbezirken Wiens an ihren Strand in der Donaustadt. Sie, die Töchter und Söhne von Tapezierern, Verkäuferinnen, Krankenschwestern und Spenglern. Bis zu acht Stunden verbringen sie auf diesen knapp 100 Metern täglich. Am Liebsten im Fight Club. Es ist ein schmuckloser Betonklotz an der Promenade. Früher hat man hier unter der weißen Kuppel die Nächte durchgetanzt. Heute kann man sich im Boxring messen. Mit Handschuhen, Mundschutz und unter der Aufsicht eines Schiedsrichters. Ungeduldig warten die Mädchen und Jungen draußen in den Shisha-Bars auf Einlass. Ab 16 Uhr dürfen sie rein. Dann fläzen sie sich auf die Sofas, legen ihre Musik auf und necken einander, wer als Erstes in den Ring steigt. Hier haben sie sturmfrei. Können sich fern der Erwachsenenwelt in ihren knappen Tops und tief sitzenden Hosen näher kommen.

Nachsichtig beobachtet Dennis Dewall das Treiben. Der gelernte Schauspieler ist einer der Eigentümer des Fight Club. Wie ein großer Bruder wirkt der Mittdreißiger mit dem akkurat getrimmten Bart inmitten der Jugendlichen. Das große Geschäft macht er mit den Cola-Trinkern nicht. Er weiß, dass sie sich nicht für sein durchdachtes Konzept des Schauboxens interessieren, das er sich in Thailand abgeschaut hat. Für sie hat der Klub eine andere Funktion. Haben die Jugendlichen früher unter der benachbarten Reichsbrücke bei der U1 Station Donauinsel gerauft, tun sie das heute bei ihm im Ring.

"Ein Jugendzentrum werde ich hier keines machen"

Dewall ist einer von vier Subpächtern auf dem alten Abschnitt der Copa Cagrana. Er nennt sie nur die "Weberseite". Es ist ein Schattenreich. Ohne Wasser, ohne Strom, ohne Toiletten. Dafür mit viel Ärger. Auf der anderen Seite des Ufers sieht die Welt anders aus. Dort in der "Sunken City" haben die Pächter keine Probleme. Dort gibt es Wasser, Strom und Toiletten. Und keinen Stress mit der Stadt. Dort gibt es auch keinen Norbert Weber. Dewall weiß von dem Rechtstreit zwischen dem Generalpächter der Copa Cagrana und der Stadt Wien. Sie alle auf der Insel wissen davon. Und haben ihn leid. "Kein Pächter mag den Weber, aber wir werden sekkiert wie der Weber", erzählt Dewall. Immer wieder tauchen Beamte diverser Magistrate auf und verlangen nach Genehmigungen und Bewilligungen. Nervenaufreibend ist das für die vier verbleibenden Subpächter. Fieberhaft sucht Dewall deswegen nach einem Ausweichort für seinen Fight Club. Denn dass auch der Rest der Copa Cagrana bald den Vorstellungen der Umweltstadträtin, in deren Ressort die Donauinsel fällt, angepasst wird, ist nur noch eine Frage der Zeit. Vielleicht gar weniger Monate. Dann rücken die Bagger der Stadt Wien auch in diesen Abschnitt vor.