Der Vereinsgründer Alexander Mühlhauser mit seinen Mitarbeiterinnen Jola und Hanan.
Der Vereinsgründer Alexander Mühlhauser mit seinen Mitarbeiterinnen Jola und Hanan.

Wien. Der Verein "Start Up" in Hernals verteilt gegen einen geringen Betrag Lebensmittel an bedürftige Menschen. Damit stellt er im Leben der Hilfesuchenden eine Konstante dar, die es ihnen erlaubt, die tägliche Frage nach qualitativer Versorgung zu vergessen und sich auf die Überwindung ihrer Notsituation zu konzentrieren. So lautet zumindest die Philosophie von Vereinsgründer Alexander Mühlhauser.

Es herrscht geschäftiges Treiben im neu eröffneten Vereinslokal. Menschen betreten ab 14 Uhr den Standort in Wien-West und verlassen ihn mit Kisten, gefüllten Plastiksackerln oder vollen Rucksäcken. Die Kundschaft ist bunt durchgemischt. Junge und ältere Menschen, muslimisch-gläubige Damen mit Kopftüchern, Männer und Frauen mit ergrautem Haar. Man hört gebrochenes Deutsch mit starkem ausländischem Akzent, Türkisch und Serbokroatisch; aber auch das klassische Klanglied des "typisch" Wienerischen. Auf den ersten Blick mutet die Szenerie wild an, wie auf einem traditionellen Marktplatz, doch schlussendlich geht alles in geordneten Bahnen vonstatten. Lebensmittel wandern in die Hände jener, die sie ausstrecken, und entgehen damit dem früheren Schicksal als "Nahrung, die im Grunde noch völlig in Ordnung ist" auf dem Müllplatz zu landen.

Vereinsobmann Alexander Mühlhauser wirkt müde, aber auch stolz darauf, was sich im letzten Jahr seit der Gründung des Vereins und insbesondere seit dem Umzug in die Hernalser Hauptstraße getan hat: Am Anfang habe er den Verein gegründet, um für Menschen einen Ort zu schaffen, an dem sie Beratung und Informationen erhalten, wo sie um Hilfe ansuchen können. "So einen Ort gibt es in Wien nicht", meint Mühlhauser. "Wenn jemand Hilfe vom Sozialamt bekommt und dort fragt, wo er denn noch Unterstützung erhalten kann, dann wird meist mit den Schultern gezuckt oder geraten, im Internet nachzusehen. So war es bei mir. Das wollten wir ändern", so Mühlhauser weiter.

"Sind nicht so strikt
wie die anderen"


Mit der Zeit habe das Team festgestellt, dass sich Menschen, die in einer Notsituation sind, als Erstes bei den Lebensmitteln sparen. Und hier setzt der Verein an. "Wir gehen auf jeden Menschen ein, der Hilfe sucht. Und wir wollen nicht so strikt sein wie andere Stellen und auf den Cent genau rechnen. Eine alleinerziehende Frau zum Beispiel, die drei Kinder hat, arbeitet, zwar 1500 Euro verdient, aber hohe Kreditraten abzahlen muss und wenig übrig hat - die bekommt natürlich auch Hilfe von uns, auch wenn sie nicht als sozialbezugsfähig gilt."

Notsituationen hat Mühlhauser am eigenen Leib erfahren: Nach zwölf Jahren Beziehung und einer äußerst dramatischen Trennung fand sich der Obmann selbst nach eigenen Angaben "ganz unten" wieder. Er verlor sein Kind und die Wohnung an seine Partnerin und stand sogar kurz davor, obdachlos zu werden. Diese Erfahrungen gaben folglich den Ausschlag einen Verein zu gründen, um Menschen dabei zu unterstützen, schnell wieder "ins Leben durchzustarten".

Teure Autos und Designertaschen


Neben der Verteilung von Lebensmitteln bietet der Verein trotzdem noch Beratungen an: Eine Sozialarbeiterin ist seit August Mitglied im Team und gibt den Bedürftigen unter anderem darüber Auskunft, an welche Stellen sie sich in der Stadt wenden können. Insgesamt sind es zehn ehrenamtliche Mitarbeiter, die täglich für den Verein aktiv sind. Darunter zwei Ägypterinnen, eine Polin, eine Ungarin und eine Serbin - was wiederum bei der Kommunikation mit den unterschiedlichen Klienten sehr hilfreich sei.

"Berechtigt von uns Hilfe zu erhalten, sind alle Menschen mit geringem Einkommen und Personen in akuter Notsituation. Ein Einkommensnachweis, ein Mobilpass, ein Asylausweis oder irgendeine Bestätigung, dass man ein geringes Einkommen hat, reicht aus", erklärt der Vereinsobmann. Früher wollte er allen helfen, aber es habe immer wieder Menschen gegeben, die mit einem Mercedes oder BMW vorgefahren seien. "Oder top-gestylte Frauen mit Michael Kors Designer-Taschen", so Mühlhauser. "Wenn aber wirklich jemand keine Papiere besitzt, obdachlos ist und kein Schriftstück hat, dann gibt es Stellen wie das Vinzi- oder das 9er Haus, wo viele Hilfesuchende betreut werden. Diese Institutionen bestätigen uns dann, dass die Menschen auch tatsächlich in einer Notsituation sind."

Von Mehl, Nudeln, Knoblauch und Wasser gelebt


Die 22-jährige Katja und der um vier Jahre ältere Robert (Namen von der Redaktion geändert, Anm.) sind durch Zufall auf den neuen Verein in Hernals gestoßen. In deren Leben ging plötzlich alles drunter und drüber, erzählen sie. Und sie mussten das traute Heim schneller räumen, als sie erwartet hatten. Das junge Paar ist obdachlos und arbeitslos - und der Verein eine große Hilfe für sie. "Wenn man die fünf Euro pro Abholung zahlt, was jetzt in meinen Augen kein hoher Preis ist, sondern die Kosten für Sprit und Miete des Vereins decken soll, kann man rein theoretisch jeden Tag vorbeikommen, um sich Nahrungsmittel zu holen", erklärt Robert.