Das gefeierte Ensemble der Wilnaer Truppe gab auch Gastspiele in der Bundeshauptstadt - etwa in den Jüdischen Künstlerspielen am Nestroyhof. - © KHM-Museumsverband
Das gefeierte Ensemble der Wilnaer Truppe gab auch Gastspiele in der Bundeshauptstadt - etwa in den Jüdischen Künstlerspielen am Nestroyhof. - © KHM-Museumsverband

Wien. Leopoldstadt, 20er Jahre. Eine der Bühnen auf der Praterstraße. Das Publikum sitzt trinkend, essend und schwatzend im Theatersaal. Vor ihnen läuft die Vorstellung einer jener Truppen aus Russland, Rumänien oder dem Baltikum, die auf ihrer Tour durch Europa auch am Wiener Nordbahnhof aussteigen. War das Ensemble berühmt genug - wie etwa die Wilnaer Truppe oder das Moskauer Jüdische Kammertheater -, haben im Vorfeld schon alle namhaften Wiener Zeitungen berichtet. In dem Fall finden sich nicht nur jüdische Wiener, sondern auch andere Kultur- und Theaterinteressierte im Publikum. Gesungen, getanzt und gespielt wird auf Jiddisch. Musik ist immer dabei. Es geht um Liebe, um Zeitgeschehen und Antisemitismus. Manchmal dominieren Politika, manchmal einfach nur guter Schmäh die Stücke. Die Theater- und Kabarettstadt Wien zeigt sich in einer ihrer vielfältigsten und originellsten Formen.

So spielten sich viele Abende der lebhaften jüdischen Bühnenkunstszene ab, die Wien zwischen den 1910er und 1930er Jahren prägte. Für jiddische Theatergruppen aus Rumänien, Polen, Russland oder der Ukraine war die Stadt eine wichtige Durchzugsstation auf ihren Tourneen. Pogrome und der Erste Weltkrieg verursachten schließlich einen riesigen Migrationsstrom osteuropäischer Juden in Richtung Westen. Viele von ihnen ließen sich im kulturellen Schmelztiegel Wien wieder. Neben jenen Juden, die schon seit mehreren Generationen hier lebten, betraten so immer mehr ostjiddische Migranten die Theaterbühnen der Stadt. Die Jüdische Bühne in der Taborstraße oder das Jüdische Kulturtheater am Franz Josefs Kai etwa waren feste Institutionen der damaligen Szene. Daneben gab es Ensembles wie die Freie Jüdische Volksbühne, die ihre Spielorte stets wechselte.

Brigitte Dalinger hat als eine der Ersten die Geschichte des jüdischen Theaters in Wien erforscht. Durch den in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts neu gewonnenen Wohlstand in manchen jüdischen Gemeinden Osteuropas entstand laut Dalinger plötzlich ein Bedürfnis nach Unterhaltung, und so auch nach Theater. Eine Entwicklung, die sich später durch die Migration in Wien bemerkbar machte. Selbst der Wiener Schmäh ist zum Teil auf diese Fügung zurückzuführen: "In Wien kam die pointierte, kritische nestroysche Komik mit jiddischen Ausdrücken zusammen. Der feine und bewusste Umgang mit Worten und das Zuspitzen von Sprache liegt in der jüdischen Tradition", so Dalinger. Die jüdische Theater- und Kabarettszene des frühen 20. Jahrhunderts entstand derart schnell, dass es meist an Stücken mangelte. "Die Themen waren deshalb oft kurzfristig improvisierte Reaktionen auf aktuelle Geschehnisse", so die Theaterwissenschafterin. Abisch Meisels etwa, ein Theaterautor, der wie so viele während des Ersten Weltkriegs nach Wien gekommen war, behandelte in seinen Stücken das Dilemma der osteuropäischen Juden, die sowohl im Russischen Kaiserreich als auch in der Habsburgermonarchie als Spione des jeweiligen Kriegsgegners galten.