Ist das Phänomen Hipster etwas völlig Neuartiges?

Es gibt einen Essay vom US-amerikanischen Autor und Journalisten Norman Mailer aus den 1950er Jahren: "The White Negro". Darin bringt er eine umfassende Bestandsaufnahme des Phänomens Hipster - mit zum Teil überraschender Aktualität. Der Hipster sei Nonkonformist und Individualist, ein Mensch, der ganz stark gegenwartsbezogen ist; morgen kann alles aus oder anders sein. Auch das nach außen bohemienhafte Auftreten ist eine erstaunliche Parallele. Aber wo der entscheidende Unterschied besteht: Das gesellschaftliche Umfeld des Hipster in den USA der 1950er Jahre ist sehr protestantisch geprägt, bieder, an materiellen Erfolg ausgerichtet gewesen. Damals war der Hipster tatsächlich ein Rebell gegen das Establishment. Heute, auch wenn er die gleichen Eigenschaften hat und eine ähnliche Weltsicht vertritt, ist der Hipster eine gesellschaftliche Avantgarde. Er ist seiner Zeit voraus, während andere soziale Milieus noch in der Vergangenheit haften. In seiner Flexibilität, seinem radikalen Individualismus ist er ein Schaumgeborener des Neoliberalismus.

Wenn Essayisten sich heute dem Hipster zuwenden, dann meist in Form von Hipster-Bashing: Er sei Auslöser von Gentrifizierung und verantwortlich für die Zerstörung der Fußball-Fankultur. Wodurch provoziert der Hipster?

Das Provokante ist, dass er ein idealtypischer Vertreter des Zeitgeistes ist. In der Hipster-Kritik schwingt immer auch Gesellschaftskritik oder Kritik am Neoliberalismus mit. Für die Gentrifizierung zum Beispiel sind ja nicht die Hipster verantwortlich, sondern Immobilienbesitzer, die ihre Mieten erhöhen. Das ist eine Banalität, trotzdem muss der Hipster für diese Entwicklung herhalten. Und bei der Zerstörung der Fußball-Fankultur geht’s ja letzten Endes um die Kommerzialisierung des Sports für die der Hipster dann idealtypisch steht. Hier verschränken sich also mehrere gesellschaftskritische Diskurse in einer Person. Die Kritik aus den bürgerlichen Feuilletons, sowohl von der Konservativen als auch von der traditionellen Linken, ist eine klassische postmoderne Kritik. Der Hipster ist ein Produkt dieser Postmoderne. Ich denke, dass der Hipster-Kritik Angst zu Grunde liegt. Die Kritiker wollen nicht, dass sich die geordneten, stabilen Verhältnisse auflösen, wollen keine Start-ups gründen, sondern ihre gesicherten 9-to-5-Jobs. Dann sehen sie diese Gestalten, die mit Laptops im Kaffeehaus arbeiten, und haben Angst, dass diese Flexibilisierung des Lebens auch sie treffen wird. Die Hipster als Vorboten dieser Prozesse werden dafür verachtet.